Wer fragt nach Rossinis "Otello", seit es den von Verdi gibt? Kein Wunder also, dass Georg Büchners armer Soldat Wozzeck mit Alban Bergs Jahrhundertwerk auf der Opernbühne so prominent wurde, dass eine andere Vertonung offenbar nichts dagegen vermag. Der Gedanke, dass ein berühmter Literaturstoff nur in einer einzigen Oper Gestalt gewinnen könne, ist nicht zwingend. Büchners aus facettierten Kurzszenen zusammengesetztes Drama scheint einer mehrfachen musikdramatischen Interpretation besonders zugänglich. Der dramaturgische Zugriff auf das Textmaterial lässt unterschiedliche Versionen zu.
Faszinierend also, wie sich Verschiedenheiten und Ähnlichkeiten zugleich zeigen zwischen dem "Wozzeck" Bergs und der Vertonung von Manfred Gurlitt. Ohne Wissen voneinander arbeiteten beide gleichzeitig an dem Projekt; die Uraufführungen fanden im Winter 1925/26 im Abstand von wenigen Monaten in Berlin bzw. Bremen statt. In der Hansestadt betreute Gurlitt seine Oper als Dirigent selbst. Ein Kuriosum fast, dass er durch eine andere Kreation nochmals ins Gehege eines auratischen Opernautors geriet: mit den "Soldaten" nach Lenz, die von B. A. Zimmermann um 1960 bearbeitet wurden.
In Nantes wurden vor einigen Jahren Gurlitts "Wozzeck" und seine "Soldaten"-Alternative gespielt. Das Theater Luzern bietet jetzt eine nicht minder reizvolle Gegenüberstellung: Gurlitts "Wozzeck" wird hier mit der gut zehn Jahre alten "Woyzeck"-Musicalfassung von Robert Wilson konfrontiert (Musik: Tom Waits).
Auf der kleinen Luzerner Bühne gestaltete die Regisseurin Vera Nemirova Gurlitts Stück als leicht asketisches Kammerspiel. Werner Hutterlis Bühne blieb ein nüchtern-abstrakter Rahmen ohne Andeutung realer Schauplätze. Nur selten weichen die Kostüme Ulrike Kunzes von einem beinahe demonstrativ-oratorischen Weiß ab. Antinaturalistisch auch der Anfang mit dem zusammengeballten Kollektiv, aus dem sich nach und nach die Akteure herauslösen.
Drastisch eingreifend akzentuierte Nemirova die (bei Berg fehlende) Szene des Messerkaufs beim Juden: Der Arzt ist es, der sich in den Schacherer verwandelt und in der feixenden Anwesenheit des Hauptmannes Beihilfe zum mörderischen Weg Wozzecks leistet. Dessen Untergang wird desto kenntlicher auch als eine Intrige der am Elend der Armen sich ergötzenden Machthaber (Hauptmann, Arzt, Tambourmajor).
Es überrascht nicht sehr, dass man bei den Hauptpersonen den gleichen Stimmcharakteren wie in Bergs Oper begegnet. Auch die musikalische Atmosphäre zeigt sich ähnlich: Der von nostalgischen Tonalitäts-Relikten durchsprenkelten Atonalität Bergs entspricht Gurlitts mit viel unaufgelösten Dissonanzen durchwirkte erweiterte Tonalität. Der Opernbeginn zielt auf Überhöhung: Die Formulierung "Wir armen Leut", das auch von Berg markant herausgehobene Motto, erscheint chorisch in mehrfacher Wiederholung. Im weiteren Verlauf setzt sich dagegen knappe, die Szenensegmente isolierende Musikalisierung durch.
Gurlitts Version ist offener
Und das ist denn doch ein Riesenunterschied zu Berg, der die scheinbare Formlosigkeit des Szenenpuzzles überkompensiert durch formale Vernetzungen auf mehreren Ebenen, so dass der Anschein einer Folgerichtigkeit entsteht. Bergs Verfahren schafft vielleicht die größere künstlerische Befriedigung. Das Zerrissene der Gurlitt-Fassung ähnelt sich schlüssiger dem Fragmentcharakter des Textes an und zeigt die Kontingenzen eines nach vielen Seiten offenen Geschehens. Muss Wozzeck zum Mörder werden? Er wird es, weil es sich so ergibt.
Marc-Olivier Oetterli in der Titelrolle: ein stimmgewaltiger Darsteller von rätselhafter Kompaktheit wie Verletzlichkeit. Bestens artikulierend auch die Marie von Simone Stock. Fast surrealistisch die Relationen zwischen Arzt und Hauptmann: Dieser brillierte schlank und sportiv (Thomas Gazheli), während jener, beleibt und kurzatmig (Patrick Jones), bei ihm "apoplektische Konstitution" diagnostiziert. Verkehrte Welt, nicht zum Lachen.
Luzerner Theater, 26. September, 2., 10., 16. Oktober, 5. November. www.luzerner-theater.ch