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10 Jahre Young Euro Classic: Man weiß nicht, was soll es bedeuten

Beethovens Neunte ist kein Spaß, sondern sein heroisches Testament. Ihm war das Tokyo Geidai Symphonieorchester bei der Eröffnung des 10. Berliner Jugendorchester-Festivals "Young Euro Classic" nicht gewachsen.

Das Tokyo Geidai Symphonieorchester bei der Eröffnung des Young Euro Classic Festivals in Berlin.
Das Tokyo Geidai Symphonieorchester bei der Eröffnung des Young Euro Classic Festivals in Berlin.
Foto: Young Euro Classic

Von Theodor W. Adorno stammt der triftige Satz, Beethovens Symphonien seien, objektiv betrachtet, Volksreden an die Menschheit, die, indem sie ihr das Gesetz ihres Lebens vorführten, sie zum unbewussten Bewusstsein jener Einheit bringen wollten, die den Individuen sonst in ihrer diffusen Existenz verborgen sei. Mehr noch als für die anderen Schöpfungen der Gattung gilt dieses Bonmot im Fall der Neunten. Die d-Moll-Symphonie bündelt alles zuvor Gesagte, wirkt gleichsam wie die nochmalige Kristallisation des Kristallinen, wie ein mächtiges Schlusswort.

Vielen gilt dies als heroisches Testament Beethovens. Und eben darin liegt große Gefahr für den Interpreten, der es liest. Er muss das Werk schützen vor Depravation, vor Trivialisierung, davor, dass es Dummheiten macht. Dafür ist ein umfassendes Wissen um die Prozesse innerhalb der Symphonie vonnöten. Es reicht nicht, die Noten zu spielen. Jugendorchester machen deswegen in der Regel einen Bogen um diese Symphonie. Es gibt ja genügend andere Stücke, die nicht minder reizvoll, aber weniger gefährlich sind.

Zum zehnjährigen Bestehen des Jugendorchesterfestivals "Young Euro Classic" aber musste es anscheinend doch etwas Besonderes sein. Und da die Neunte in Japan beinahe Kultstatus genießt (kein Profiorchester aus deutschen Landen, das sie dort nicht gespielt hätte), machte sich das Tokyo Geidai Symphonieorchester unter der Leitung von Ken Takaseki daran, zur Eröffnung von Young Euro Classic das Werk im Konzerthaus Berlin einer Interpretation zu unterziehen.

Aber kann man das, was hier zu hören war, überhaupt eine Interpretation nennen? Kaum. Die ästhetischen Kategorien sind nicht vermittelt. Das merkt man gleich zu Beginn des Kopfsatzes Allegro, ma non troppo, un poco maestoso, wenn die vom Grundton in scharfer Sechszehntelpunktierung herabfallende Quinte ebenso spannungslos bleibt wie die darauffolgende Quarte abwärts. Solches geschieht, ohne dass die Musiker daraus Schlüsse ziehen würden. Sie spielen die Noten, und sie spielen sie auch fast alle artig am richtigen Platz. Aber sie vermögen dem, was sie spielen, keine Relevanz zuzumessen.

So zieht die Symphonie, beharrlich im Bereich zwischen mezzoforte und mezzopiano vagierend, dahin, verblasst, mutiert bald zur amorphen Masse aus monadischen Klängen. Nun darf man einem Jugendorchester vielleicht nicht vorhalten, dass dies passiert. Aber dem Werk geschieht hier doch eine Ungerechtigkeit, die nicht aus der Welt zu schaffen ist; das Werk wird beschädigt, jedenfalls für die Dauer der Aufführung.

Von eher zweifelhaftem Wert war auch das, was vor der Pause im Konzerthaus geboten wurde, und zwar vor allem aufgrund der Überschrift "Solo für Außenseiter". Hier ein bisschen Djembe, türkische Zither und Maultrommel, dort einige prägnante Akkordeonklänge, da dünnflüssige Panflöte und markiges Sousaphon. Immerhin amüsant: Das "Lohengrin"-Vorspiel auf der Drehorgel.

Young Euro Classic, Konzerthaus Berlin, bis zum 23. August.www.young-euro-classic.de

Autor:  Jürgen Otten
Datum:  10 | 8 | 2009
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