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AC/DC in Frankfurt: Aus der Seele gespielt

AC/DC ist für alle da - ab neun auch live in der Frankfurter Festhalle. Ein Zug rast über Projektionsflächen, Angus Young fährt darin ab, die Lok kracht auf die Bühne. Von Jamal Tuschick

Laut und hell ist es auf der Bühne der Festhalle und die Band AC/DC rockt, das es eine Art hat.
Laut und hell ist es auf der Bühne der Festhalle und die Band AC/DC rockt, das es eine Art hat.
Foto: Kraus/FR

Nicht Nights in White Satin, sondern Schwaben in Kutten. Sie stiefeln aus sämtlichen Schächten der Stadt, jedenfalls kommt mir das so vor. Es hört sich auf jeden Fall so an. Vielleicht gibt es Stuttgart noch ein zweites Mal als Unterwelt von Frankfurt am Main. Das könnte eine Art Elektrikerhochburg im Weltkeller sein, wo ausschließlich Lektionen zu Wechsel- und Gleichstrom, alternating und direct current, kurz: AC/DC auf einer endlosen Nachtagenda stehen.

Vor der guten alten Festhalle am Messegelände steht erstmal alles auf Anfang und kommt einem doch schon so verrumpelt vor wie das ruinierte Schlusstableau einer aus dem Ruder gelaufenen Party im vergangenen Jahrtausend. Wie ausverkauft ist ausverkauft? Das ist die Frage im Augenblick.

Tournee-Daten

AC/DC auf ihrer "Black Ice"-Tournee: 27. März München, 29. März Zürich, 13. Mai Leipzig, 15. Mai noch mal München, 17. Mai Gelsenkirchen, 19. Mai Köln, 22. Mai Hockenheim Ring.

Ich kenne keinen, der AC/DC nichts abgewinnen kann, alle wollten sie heute unbedingt die Band sehen, der Koch mit dem Bon-Scott-Konterfei in der Solarplexuszone genauso wie ein berühmter Chorknabe, der mir gelegentlich noch einmal erzählt hat, wie es für ihn war, als ihm die tiefere Bedeutung von "She’s Got The Jack" in "The Jack" zum ersten Mal aufging.

Aber jetzt bin ich hier allein mit fünfzehntausend Schwaben in Kutten. Okay, das stimmt nicht so ganz. Der undankbaren Aufgabe, vor den Anglo-Australiern aufzutreten, stellen sich ordentlich abgehende Iren, die sich als The Answer zusammen getan haben.

Das Auditorium verschwendet seine Energien nicht für übertriebenen Applaus. An allen Ecken und Enden blicken rote Hörnchen, die Taschenformatvariante der so genannten Anguskappe, und evozieren in verdunkelten Momenten das Bild einer verlassenen Raumschiffkommandobrücke in grauer TV-Vorzeit.

Als Fan kann man annähernd jeden Alters sein, das Weitere repräsentiert sich im Spektrum zwischen merkmalsfreudigen sozialen Tauchstationen und den zur Feier des Tages tribalistisch gemusterten, mittelständigen Hebebühnen.

AC/DC ist für alle da - und das ab neun auch live in Frankfurt. Ein Zug rast über Projektionsflächen, Angus Young fährt darin ab, die Lok kracht, nun als monumentalistisches Relikt, pyrotechnisch befeuert, auf die Bühne. Zumindest ist das der Knalleffekt. Dazu "Rock’n’Roll Train" aus dem neuen Album "Black Ice", das der Tournee ihren Namen gibt. Das Stück könnte auch älteren Datums sein, genauso wie "Big Jack" zwei Nummern später.

Der Vokalvulkan Brian Johnson mit seiner Batschkapp und dem englischen Dockarbeiterappeal erscheint so entspannt wie daheim im Pub, die Wand aus Begeisterung vor ihm bringt ihn sichtlich nicht aus der Ruhe.

Angus Young verkörpert bekanntlich den entgegengesetzten Auftrittsansatz. Immer mal wieder erhebt er sich räumlich über die Band und steht dann mit seiner fantastischen Fingerfertigkeit und der Kleinwüchsigkeit ganz groß da.

Im Publikum machen sich ein paar Angus Young-Darsteller in Schuluniformen bemerkbar. Mit allen anderen freuen sie sich darüber, dass Young ihnen seine Unterhose zeigt, na klar, zu "The Jack".

Der Leadgitarrist ist die Band: in einer Mischung aus Dorian Gray als Saitenzwiebler und Zappelphilipp als Zappelphilipp. Seine Hyperpräsenz lässt leicht vergessen, dass fünf Leute den Sound von AC/DC erzeugen, den - wem sage ich das eigentlich? - ein starker Schlagzeugmotor antreibt.

Die Geschichte von "Hells Bells" reicht bis zum Ersten Weltkrieg zurück. Auch die erste Bühnenglocke hängt schon in einem Museum. Ein Nachbau des Nachbaus baumelt das Lied lang über der Bühne. "Thunderstruck" ist zu diesem Zeitpunkt schon abgegessen, "TNT" steht noch aus, um schließlich das frenetische Element im Raum auf die Spitze zu treiben.

Angus Young nimmt halbnackt und im Schweiß rudernd eine Ergebenheitsadresse nach der anderen entgegen. Er spielt seinen Anhängern direkt aus der Seele, einem Testosteronhybriden in fast jedem Fall. Eine bombastisch aufgeblasene "Rosie" darf, solang es um sie geht, ein bisschen obszön auf der Lokomotive reiten.

"Highway To Hell" und "For Those About To Rock" sind Zugaben mit abschließendem Feuerwerk. Dabei hat jeder Knallkörper seine eigene BAM-Nummer, aber wer denkt schon an die Bundesanstalt für Materialprüfung? Übrigens stiftet "For Those About To Rock" die meisten aufgedruckten Bekenntnisse, soweit ich das überblicke.

In der abfließenden Menge vernehme ich "zack, der Traum ist abgehakt" und, auch sehr schön, "ups, ich bin doch nicht taub". So laut ist es bis eben gewesen - und so schön.

Autor:  JAMAL TUSCHICK
Datum:  26 | 3 | 2009
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