Musik

14. Januar 2013

Alte Oper Frankfurt: Martialischer Auftakt

 Von Wolfgang Heininger
In der Alten Oper hat die Junge Deutsche Philharmonie das neue Jahr eingeleitet. Foto: Copyright: Wolfgang Runkel

Mit Pauken, Kanonen und Glockenspiel läutet die Junge Philharmonie in der Alten Oper das neue Jahr ein.

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„Chemie ist, wenn es stinkt und kracht“, pflegte ein mittlerweile ergrauter Pädagoge seinen Schülern das neue Fach zu erläutern. Nun, mit dem Neujahrskonzert am Sonntag in der Frankfurter Alten Oper hätte er seine Erklärung dick unterstreichen können. Mit viel Blech, Pauken und Kanonen vertrieb die Junge Deutsche Philharmonie dort am Sonntag krachend und martialisch schlechte Erinnerungen an 2012.

Blitz und Donner für ein besseres 2013 schien die Zusammenstellung der Orchesterwerke von Beethoven, Liszt, Tschaikowsky und Kodály herbeizwingen zu wollen, so wie für eine Reihe von Völkern vor 200 Jahren das Ende des napoleonischen Zeitalters nach militärischen Katastrophen der französischen Soldateska in Russland, Spanien und der Völkerschlacht bei Leipzig.

Die bedeutendsten Komponisten jener Zeit widmeten sich mit viel Hurra und wenig Empathie gegenüber den Opfern diesem Umbruch. Vielleicht war dies mit ein Grund, dass Peter Tschaikowsky seinem eigenen Schlachtengemälde, der Ouvertüre 1812 nur geringen künstlerischen Wert abgewinnen konnte. Die Auftragskomposition, in der die Marseillaise am Ende der Zarenhymne unterliegt, ging auf den Bau der Christ-Erlöser-Kathedrale zurück, die Alexander I. nach dem Rückzug der Franzosen in Auftrag gegeben hatte.

Die Ouvertüre werde recht laut und lärmend sein, er habe sie ohne Liebe geschrieben, vertraute Tschaikowsky damals seiner Mäzenin an. Gleichwohl war die Erstaufführung 1882 unter seinen Landsleuten umjubelt. Mehr Herzblut legte da der freudig überraschte Ludwig van Beethoven darein, den Sieg Wellingtons bei Vittoria in Spanien zu kommentieren, wobei auch er auf bekannte Melodien wie „Rule Britannia“ und „God save the King“ setzte. Zur „First Night of the Proms“-Atmosphäre fehlte da in der Alten Oper nur noch das ausgelassene mitdirigierende Publikum, wie es sich alljährlich in der Royal Albert Hall zusammenfindet.

Schlechte Tradition

Weniger brachial, dafür mit einem nicht unerheblichen Anteil an Selbstverliebtheit ausgestattet widmete sich Franz Liszt mit seinem Ersten Klavierkonzert Mitte des 19. Jahrhunderts der Thematik. Setzte er sich bei der Uraufführung doch vor allem selbst als Virtuose in Szene, was Interpret Alexander Schimpf am Sonntag gerne als Vorlage nutzte, um sein eigenes Können unter Beweis zu stellen. Der 31 Jahre alte gebürtige Göttinger ließ keinen Zweifel daran, dass von ihm noch zu hören sein wird.

Wie auch die jungen Philharmoniker in Gänze, mit Verve und ermutigend geführt vom Grammy-Preisträger Jonathan Stockhammer, überzeugten, wenngleich es ihnen die Musikauswahl leicht machte, mögliche Schwächen mit Lautstärke zu überspielen. Zumindest gelang es dem Ensemble, ausgewählt aus 25 000 Musikstudenten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, sich nicht grenzenlos vom eigenen Schwung hinreißen zu lassen und problemlos in die melodiösen Teile der jeweiligen Kompositionen zurückzufinden.

Ein pompöser musikalischer Auftakt nach Maß also, jedenfalls beinahe. Es scheint nämlich zur schlechten Tradition geworden zu sein, jedes Neujahrskonzert, auch wenn es nicht in Wien gegeben wird, mit dem unseligen Radetzky-Marsch als Zugabe beenden zu müssen. Das ist ungefähr so sinnvoll wie das Klatschen nach der Landung beim Charterflug.

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