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Alte Oper Frankfurt: Süße Tropen

Exotischer Klangzauber mit mehreren Glücksfällen: "Les Pêcheurs de Perles" von Bizet konzertant in der Alten Oper. Von Hans-Klaus Jungheinrich

Schon die zweitbekannteste Oper von Georges Bizet ist auf den Bühnen eine große Rarität. Jetzt präsentierte die Oper Frankfurt (als Gast in der Alten Oper) das sängerisch dankbare Stück immerhin konzertant, wenngleich man gerne auch gesehen hätte, was die Handlung an pittoresken Ansehnlichkeiten aufbietet: unter anderem Tropensturm, Vorbereitung zu feierlicher Doppelhinrichtung, Feuersbrunst.

Schauplatz ist das früher Ceylon genannte Inselreich Sri Lanka. Bizet war einer der ersten von vielen (nicht nur) französischen Komponisten, die in einer Zeit des sich anbahnenden Kolonialismus und der von den Europäern neugierig bestaunten Weltausstellungen ihr Interesse an fernen Ländern und Menschen produktiv machten. Lange vor Verdis "Aida", dem wohl prominentesten Beispiel für den Opern-Exotismus jener Ära, schrieb Bizet im Jahre 1863 seine "Perlenfischer", die in dieser Originalversion nun auch in Frankfurt erklangen.

Böswillig gesagt, ist Bizet für dieses Werk eine einzige durchschlagende Melodie (mit Wunschkonzert-Dignität) eingefallen; sie erklingt im ersten Duett Zurgas und Nadirs, des freundfeindlichen Männerpaares, das wie eine Paraphrase der Tenor/Bariton-Konstellationen aus Verdis "Forza del destino" oder "Don Carlo" anmutet. Der elegante Ohrwurm wird im Verlauf bis ins letzte Finale hinein noch oftmals als Leitmelodie verwendet. Das südindische Kolorit wird im übrigen musikalisch einigermaßen vage herbeizitiert; da wurden spätere französische Opernexotiker wie Fauré oder Roussel schon konkreter. Gleichwohl zeigt sich ein pikant orientalisierender Klangzauber an vielen Stellen (auch in der allerdings von fremder Hand vervollständigten Instrumentation).

Das vokale Geschehen obliegt nicht mehr als vier machtvollen Sängerkehlen. Doch halt, der vehemente Anteil des Chores darf nicht vergessen werden. Das Sangeskollektiv (Frankfurter Opernchor, vorzüglich einstudiert von Matthias Köhler) hat hier nicht nur Wasserträger- und Verstärkerfunktion, sondern trägt eigene Kabinettstücke bei, so im dritten Akt einen "kannibalischen" Choeur dansé in Vorfreude auf ein spannendes Tötungsritual, bei dem das delinquente Liebespaar hingeschlachtet werden soll.

Das aufgebotene Solistenensemble konnte sich hören lassen. Die Konzertsituation gibt die Persönlichkeit eines Opernsängers an der Rampe ja noch weit mehr preis als das Agieren auf der Bühne, wo sich der Vokalist ein Stück weit auch hinter einer Rolle gleichsam verstecken kann. Bálint Szabó war ein respektheischender Großpriester mit der Bass-Ausstrahlung unumstößlicher liturgischer Autorität. Einzige Frauenpartie: die zwischen zwei Männern stehende Leila, von Tatiana Lisnic vorgetragen mit schlanker, aber auch im Forte niemals scharfer, beherrscht geführter Stimme. Besonders schön die in Pianonuancen exzellierenden visionären Passagen, in gleichsam somnambuler Sicherheit vorgetragen. Die Rolle ähnelt in ihrer lyrischen Grundierung der Micaela in "Carmen", insbesondere bei der Cavatine des 2. Aktes, ist aber insgesamt schwerer und facettenreicher, auch mit allerlei Koloraturen und intonatorisch heiklen Stellen versehen.

Einen besonderen Glücksfall für die Aufführung bedeutete der Tenor Joseph Calleja als Nadir. In Diktion und Ausdruck blieb er unfehlbar, mit einer im Lyrischen wie in der dramatischen Intensivierung bezaubernden tonlichen Emission von ebenso großer Prägnanz wie Mühelosigkeit.

Vielleicht die interessanteste Rolle ist die des Inselkönigs Zurga, des Nebenbuhlers von Nadir, der dennoch am Ende verzichtet und dem Liebespaar freien Abzug verschafft. Ein spezifisch auf indische Weisheit (imaginiert buddhistischer oder hinduistischer Coleur) verweisender Zug? Immerhin verschafft's dem tragisch sich anlassenden Sujet ein glückliches Ende. Zeljko Lucic war ein Zurga mit überaus kultiviertem, souverän große Gesangsbögen disponierendem, auch im gewaltigsten Forte niemals polterndem Bariton.

Die ganze Aufführungszeit im Glück schien Christoph Poppen, der Dirigent der sublim oder furios bewegten Klangmassen einschließlich des schwungvoll und genau musizierenden Museumsorchesters (Oboensolo zum Auftakt des Nadir-Chansons im 2. Akt, wie ein versprengter "Carmen"-Zitat klingend).

Alte Oper Frankfurt: 25. Februar. www.oper-frankfurt.de

Autor:  HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Datum:  25 | 2 | 2009
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