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Musik

28. Januar 2015

Andras Schiff Interview: „Die meisten Pianisten sind überhaupt nicht neugierig“

 Von Stefan Schickhaus
„Wenn Rachmaninow seine Werke spielt, klingen sie wunderbar, aber ich könnte das nicht tun. Also: Hände weg!“, sagt der Pianist András Schiff.  Foto: Nadia F. Romanini / ECM Records

Der Pianist András Schiff spricht im FR-Interview über Monotonie im Klavierklang und verflachte Hörgewohnheiten. Und er sagt, dass das Problem in Ungarn die Ungarn sind.

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Herr Schiff, Ihre Abrechnung mit dem Regietheater, die zum Jahreswechsel zu lesen war in der „Neuen Zürcher Zeitung“, hat ja hohe Wellen geschlagen. „Der Regisseur scheint alles besser zu wissen als der Autor“, schrieben Sie da und fragten, warum es den meisten Regisseuren so schwer falle, „in den Hintergrund zu treten und sich in den Schatten der Stücke und ihrer Autoren zu stellen“. Sie selbst sind ja als Pianist und Dirigent auch eine Art Klangregisseur. Interpretieren Sie nicht in ähnlichem Maße wie ein Bühnenregisseur?

Was ich über das Theater geschrieben habe, ist leider wahr. Es bedeutet nicht, dass alle Regisseure so sind, aber es ist eine Mode, eine Tendenz. Es gibt genug Schuldige, viel zu viele. Ich selbst bin Interpret von Komponisten, aber ich weiß ganz genau, wo mein Platz ist. Das Werk, der Text – wenigstens in unserer Welt der Musik – ist heilig. Stellen Sie sich vor, man würde in einer Beethoven-Klaviersonate die Wiederholungen weglassen, die Durchführung um die Hälfte kürzen, den dritten Satz vor dem zweiten spielen und das Finale rückwärts. Es wäre ein Skandal! Und genau solche Sachen passieren im Theater, im Namen des heiligen Regietheaters.

Was aber bedeutet darüber hinaus „werkgerecht“ in der Musik? Selbst die Vertreter der historisch-informierten Aufführungspraxis nehmen nicht für sich in Anspruch, Kopien von Konzertsituationen von vor 250 Jahren abzuliefern.

Wie gesagt, Texttreue. Man studiert die Handschrift, die Erstausgabe, die Abschriften, die Skizzen. Ein Meisterwerk hat seinen Rahmen. Als Interpret müssen wir uns innerhalb von diesem Rahmen bewegen. Man kann „To be or not to be“ in zwei Minuten, oder in zehn Minuten rezitieren. Das ist Interpretation. Den Monolog wegzulassen ist eine Amputation, eine Zumutung. Es ist nicht leicht, und oft muss man eine Wahl treffen zwischen zwei authentischen Lesarten oder Fassungen. Man muss entweder nach rechts oder nach links gehen, beides geht nicht. Und egal, wie man sich entscheidet, es wird manchen Menschen nicht gefallen. Na und? Damit muss man leben können. Die Konzertsituationen von 1790 sind wichtig für unser Werkverständnis, aber diese heute zu kopieren, wäre unmöglich. Nicht nur die Instrumente und die Spielorte sind anders, sondern – vor allem – die Zuhörer und ihre Hörgewohnheiten.

Sie selbst spielen gerne auf historischen Hammerklavieren, wenn auch selten im Konzert. Sehen Sie in diesem besonderen, individuellen Klang des alten Instruments eine eigene Komponente, die ein moderner Konzertflügel nicht bieten kann? Ist also ein Steinway ein neutrales Medium und wird erst vom Interpreten mit Leben gefüllt, während ein Hammerflügel von sich aus Leben anbietet?

Zur Person

Sir András Schiff, 1953 in Ungarn geboren, lebt heute in Florenz und London. Als Pianist hat er sich besonders mit seinen zyklischen Aufführungen der Klavierwerke von Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Chopin, Schumann und Bartók einen Namen gemacht. So hat er in den letzten zehn Jahren in mehr als 20 Städten alle Klaviersonaten Beethovens in chronologischer Reihenfolge aufgeführt. Deren Live-Mitschnitte aus der Zürcher Tonhalle auf CD (ECM) erhielten zahlreiche Auszeichnungen.

Sein eigenes Kammerorchester, die Cappella Andrea Barca, gründete Schiff 1999. Mit ihm und auch mit dem Chamber Orchestra of Europe arbeitet er als Dirigent und Solist eng zusammen. Zudem ist er ein leidenschaftlicher Kammermusiker.

Die Alte Oper Frankfurt widmet jedem dieser Schwerpunkte – Orchesterarbeit mit der Cappella Andrea Barca, Kammermusik, Solo-Recital – jetzt einen Konzertabend. Die Reihe „Fokus András Schiff“ beginnt am 29. Januar.

Ich habe kürzlich in der Wigmore Hall in London drei Konzerte gespielt, auf meinem eigenen Hammerflügel, gebaut von Franz Brodmann 1821 in Wien. In einem kleineren Raum mit einer hervorragenden Akustik ist der Klang dieses Instruments zauberhaft, besonders für die Musik Franz Schuberts. Daneben ist ein Steinway wie ein plumper Elefant, groß, grob, monoton und einfach zu laut. Natürlich hängt das auch davon ab, wie es gespielt wird, ein Instrument ist ja kein Automat. Auch auf dem Steinway kann man wunderbar klar, fein und farbig spielen, es ist aber nicht einfach. Wenn man Schubert im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt spielt, kommt ein Hammerflügel nicht infrage, deshalb muss ich dort einen modernen Steinway-Flügel nehmen. Es würde aber nicht schaden nachzudenken, ob es der Musik immer guttut, wenn wir sie in riesengroßen Auditorien aufführen. Die Menschen akzeptieren das allzu gern. Warum eigentlich?

Als Sie 2013 Beethovens Diabelli-Variationen auf CD aufgenommen haben, haben Sie zwei Versionen eingespielt und nebeneinandergestellt: einmal an einem Hammerflügel aus dem Jahr 1821, einmal an einem Bechstein-Flügel von 1921. Beides historische Instrumente, beide grundverschieden im Klang. Ist das auch als ein Appell zu verstehen: Hört her, Klavierklang kann so viel mehr sein als immer nur Steinway?

Ja, genau das möchte ich damit sagen. Ein guter Steinway ist herrlich, aber es stimmt nicht, dass es der einzige Flügel ist, auf dem man alles spielt (und hört). Inzwischen ist es aber genau so: Praktisch alle Pianisten der Welt spielen überall alles am Steinway. Wo hört man einen Bechstein, einen Bösendorfer, einen Pleyel? Und dann die Hammerflügel? Die Hörgewohnheiten von den meisten Menschen sind so einseitig, sie sind so stur und voll mit Vorurteilen, sie wollen keine Alternativen akzeptieren. Schade.

Man könnte ja sagen, mit der Marke Steinway hat sich die beste durchgesetzt in den Konzertsälen dieser Welt. Oder man sagt, dieses Monopol ist im wahrsten Sinne monoton, ein Universalinstrument für alles und jeden ist eine unnötige Verarmung.

Das Problem ist, dass die meisten Pianisten überhaupt nicht neugierig sind. Sie nehmen oft lieber einen mittelmäßigen Steinway als einen guten Bösendorfer, weil sie auf dem Letzteren gar nicht spielen können.

Aber wie könnte es auch anders gehen? Kein Konzerthaus kann eine breite Palette von Bechstein, Bösendorfer, Steinway bis Yamaha bereitstellen. Und Pianisten müssen sich darauf verlassen, dass sie dem Instrument blind vertrauen können, ohne sich groß darauf einstellen zu müssen.

Doch, viele Konzerthäuser haben eine Auswahl, aber wie gesagt: Es sind die Pianisten, die da nicht mitspielen.

Einige wenige Pianisten reisen mit dem eigenen Flügel, Krystian Zimmerman zum Beispiel. Ist dieser logistische Aufwand eine Option für Sie?

Auch ich reise oft mit dem eigenen Flügel und Techniker, aber nicht immer. In manchen Konzerthäusern – wie in Frankfurt, Wien, Berlin – gibt es sehr gute Steinway-Instrumente mit einem sehr guten Techniker. In Frankfurt ist die Situation sehr glücklich, da gibt es auch eine große Auswahl. Es wird also diesmal ein Steinway sein.

In der Alten Oper spielen Sie jetzt drei Konzerte mit Musik von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert. Zusammen mit den Werken Bachs bildet das sozusagen Ihre Kernkompetenz ab. Nie aber stehen etwa Ravel oder Liszt auf Ihren Programmen. Glauben Sie nicht an den Universal-Pianisten, der alles kann? So wie der Steinway auch nicht der echte Universal-Flügel ist?

Das Repertoire für Klavier ist riesengroß, das ist nicht wie beim Cello oder bei der Bratsche. Und nicht nur die Quantität, sondern besonders die Qualität. Wenn man nur die Meisterwerke betrachtet, sie sind so zahlreich, dass man zehn Leben bräuchte, um alles zu lernen. Es ist auch selbstverständlich, dass man nicht alles gleich gut spielen kann. Manche versuchen es, aber vergebens. An einen Universalpianisten glaube ich nicht. Nur ein Beispiel: Man liebt Richter nicht wegen seinen Mozart-Interpretationen, das hoffe ich zumindest. Liszt und Ravel spiele ich nicht, auch wenn sie großartige Komponisten sind. Aber ich liebe diese Musik nicht. Warum muss ich das tun, wenn es nicht geht? Rachmaninows Klavierspiel ist einmalig genial; wenn er seine Werke spielt, klingen sie wunderbar, aber ich könnte das nie tun. Also: Hände weg! Ich spiele ja ziemlich alles von Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, vieles von Mendelssohn, Brahms, Smetana, Dvorák, Janácek, Debussy, Bartók, alles auswendig. Und noch dazu Kurtág, Holliger, Carter, Jörg Widmann. Plus die ganze Kammermusik. Das ist also nicht so wenig, und gar nicht einseitig.

András Schiff am Klavier.  Foto: Nadia F. Romanini/ECM Records

Ähnlich wortstark wie neulich gegen das Berliner Regietheater haben Sie sich 2011 gegen den Rechtsruck in Ungarn positioniert, womit dann das Tischtuch zwischen Ihnen und dem Land Ihrer Geburt zerschnitten war. Seitdem ist Ungarn aus den Negativ-Schlagzeilen nicht herausgekommen, zuletzt musste sich das EU-Parlament mit dem ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Tibor Navracsics als Bewerber um das Ressort Bildung und Kultur herumschlagen. Haben Sie Ungarn aufgegeben?

Ungarn habe ich nicht aufgegeben, aber sehr optimistisch kann man da nicht sein. Die Fidesz-Regierung wird noch lange bleiben. Und das Hauptproblem sind nicht die Politiker, sondern das Volk, die Menschen – und ja, ich weiß, man darf nicht generalisieren. Aber immerhin, durch die Menschen, um nicht zu sagen: den Pöbel wurde Orbán zum zweiten Mal mit einer Zweidrittelmehrheit gewählt. Genau wie die Italiener, die dreimal für Berlusconi gestimmt haben.

Ihr Kollege, der Dirigent Iván Fischer, sagte in einem Interview, ungarische Musiker hätten schon immer eine aufrechte moralische Haltung gezeigt, und er nannte als Beispiele neben Fricsay, Reiner und Szell explizit auch Sie. Stimmen Sie ihm zu, dass Musiker aus Ungarn stets einen besonderen Anspruch an Qualität und Ethos erfüllen?

Iván Fischer ist ein wunderbarer Dirigent und ein sehr mutiger Mensch. Außer ihm und seinem Bruder Adam gibt es leider kaum noch einen „klassischen“ Musiker, der sich traut, eine ehrliche, öffentliche Meinung über diese sehr schwierige Situation zu äußern. Die meisten schauen weg und bleiben still, das ist ja bequem und angenehm.

2012 bekamen Sie das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland verliehen, im vergangenen Sommer wurden Sie von Queen Elizabeth II. für Ihre Verdienste um die Musik in den Adelsstand erhoben. Das Kreuz heften Sie sicher nicht sehr häufig an die Jacke, das „Sir“ vor dem Namen ist aber plötzlich immer präsent, wie ein zweiter Vorname. Ist das für Sie noch ein ungewohnter Anblick?

Diese Auszeichnungen sind große Anerkennungen, sie sind eine große Ehre. Durch sie wird man nicht besser – als Künstler und als Mensch –, aber schämen muss man sich ihretwegen nicht.

Interview: Stefan Schickhaus

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