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Musik

27. Januar 2016

Anja Silja in der Oper Frankfurt: Erinnerung, sprich

 Von Hans-Klaus Jungheinrich
Anja Silja in der Oper Frankfurt.  Foto: Copyright: Wolfgang Runkel

Ein leuchtender Abend: Die große Anja Silja rehabilitiert ein in Vergessenheit geratenes, heute durchaus verpöntes Genre und rezitiert im Frankfurter Opernhaus Melodramen.

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Siebzig verweht“, der Titel der Alterstagebücher von Ernst Jünger: Würde er als leichthin melancholisch-resignativer Rückblick auf die erstaunliche Sängerinnenlaufbahn von Anja Silja passen? Vielleicht ist das gravitätische „Erinnerung, sprich“ Vladimir Nabokovs aber doch die bessere Formel, dieser Ausnahme-Erscheinung der Musikbühne adäquat zu begegnen.

Fast noch ein Teenager war sie, als Georg Solti sie in Frankfurt mit den drei Frauenrollen in „Hoffmanns Erzählungen“ herausbrachte. Und gleichsam noch Gegenwart sind ihre hiesigen Opernfiguren im „Spieler“ und der „Gespenstersonate“. Dazwischen eine Weltkarriere, kulminierend in Bayreuther Wieland-Wagner-Inszenierungen. Aber auch immer wieder hier, von der Dohnányi-Ära bis zu unvergesslichen Janácek-Verkörperungen bei Gielen und später.

Mit vier, fünf Dirigenten-Generationen arbeitete Anja Silja zusammen. Und in ihren Memoiren thematisierte sie selbst, wie ihre Bühnenpartner kamen und gingen, während sie noch nach vielen Jahrzehnten dieselben Rollen sang. Für Sensible eine nicht nur befriedigende, sondern auch leise unheimliche Erfahrung: Dauer und Standfestigkeit, etwa als Versündigung an der gnadenlos vergehenden Zeit?

Das Staunen und ein Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein, wandelt gerade den produktiven alternden Menschen an, wenn er Maß nimmt zwischen seinem Selbstbild und dem ihn umgebenden Grad der Veränderung. Anja Silja ruhte kaum je in der Sicherheit eines Dauersterns; immer schon schien sie empfindlich Phänomene wie Altern und Vergänglichkeit zu reflektieren, nicht zuletzt mit der für sie geradezu existentiell verbundenen Janácek-Partie der Emilia Marty in der „Sache Makropulos“.

Ihr aktueller Abend im Frankfurter Opernhaus sprach gar von Abschied, und jedenfalls war dabei die Sängerin verabschiedet und eine Rezitatorin geboren. Denn Anja Silja nahm sich des als autarke Kunstform nahezu vergessenen Melodrams an und realisierte es in prägnanten, ja leuchtenden Beispielen. Als zu Beginn die Klavier-Einleitung von Schuberts leise verschattetem „Abschied von der Erde“ erklang, erwartete man dennoch unwillkürlich, ihre Singstimme erhöbe sich mit ihrer leicht insistierenden Schärfe, aber auch unverwechselbaren Wärme und dem deutlichen Anschub der hohen Töne, ganz anders als die Stichflamme der Birgit Nilsson und doch ebenso vehement. Aber nein, es kam „nur“ die Sprechstimme. Diese jedoch als ein minuziös und diskret geführtes Organ differenzierter Text- und Ausdrucksvermittlung.

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Dabei wurde sofort merklich, dass Anja Silja eine manifest kritische Komponente der Melodramen-Ästhetik souverän außer Kraft setzte: das überpathetische Artikulieren mit Konsonantenspuckerei und beträchtlichem Tonhöhen-Ambitus. Nichts davon bei dieser wohl markanten, dabei stets „sachlich“ anmutenden Erzählerin.

In den Melodramen des 19. Jahrhunderts (zeitweise auch beliebt bei dilettierenden Hausmusikern) werden mit Vorliebe Geschichten erzählt wie in der von Franz Liszt grandios vertonten Lenau-Ballade „Der traurige Mönch“. Die Verbindung zwischen Sprache und Klavier kann erstaunlich flexibel geraten: annähernd rhythmisch gebunden im liedhaften Duktus des Schubert-„Abschieds“, ganz frei im rezitativischen Dialogisieren bei Robert Schumanns „Schön Hedwig“. Das hymnisch-nostalgisch anmutende Melodram-Triptychon nach Turgenjew-Gedichten von Anton S. Arenski gab mit seinem Schlussstück zugleich das Motto der Veranstaltung: „Wie waren einst so schön, so frisch die Rosen“.

Am Klavier agierte Andrej Hoteev mit Umsicht und Feinnuancierung und hatte auch Gelegenheit zu einigen Solovorträgen, wobei eine Auswahl von Schubertwalzern und ein frühes Präludium (C-Dur) von Prokofiew besonders ansprechend gelangen.

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