Zuerst ist Martin Gallop da, erzählt davon, wie man sich als Kanadier aus der Provinz im winterlichen Oldenburg fühlt (bescheiden) und singt einige entsprechende Songs zur Gitarre. Dann öffnet sich der Vorhang, hinten blitzen die Sterne, und vorne verlangt Annett Louisan: "Und jetzt möchte ich, dass du mich liebst / ganz genau so, wie ich wirklich bin". Die blödsinnige Floskel aber verliert da ihre Blödsinnigkeit und wird - so reizend, so apart. Keine Ahnung, wer Annett Louisan wirklich ist. Egal.
Sie wendet natürlich ihre Sie-will-doch-nur-spielen-Kinderstimme an, aber nicht nur. Röhrt sie jedoch, wie in "Ich brauch Stoff", dann versteht man sie entweder falsch oder glaubt höchstens den letzten Satz: Sie braucht außerdem neue Schuhe. Annett Louisan ist der Beweis dafür, dass Überzeugungskraft in der Kunst keine Frage der Authentizität ist. Es ist eine Frage der gekonnten Künstlichkeit, verknüpft mit dem Angebot völliger Ehrlichkeit. Die Künstlerin hat den Beruf, ein Lied nach dem anderen zu singen. Sie macht es sehr gerne, aber sich nicht wichtig. Sie ist eine Zerbinetta ohne Koloraturen, wie sie mit ihrem neuen Lied "Die nächste Liebe meines Lebens" (Musik: Martin Gallop) auch unmittelbar dokumentiert.
Zum Auftakt der Tour mit ihrer vierten CD "Teilzeithippie" in der Alten Oper Frankfurt - deren Großen Saal sie in einen Club verwandelt - hat sie braune Haare. Sie erinnert von Reihe 16 aus entfernt an die junge Jodie Foster und trägt vorerst ein kleines Weißes. Sie spielt am Bändel, obwohl sie nicht wissen kann, was Verlegenheit ist, hält die Hände in die Gegend, schwingt mit den Hüften, tanzt bescheiden, aber hinreißend. Sie übt sich nicht nur mit uns in einer fabelhaften Mischung aus Koketterie und Kumpanei, sondern auch mit ihrer gut eingespielten Band, in der alles flutscht und rieselt und doch nicht versimpelt klingt und nach drei Stunden noch nicht genug ist. Annett Louisan erzählt: So klein zu sein, könne Vorteile haben. Wenn sie im Dschungel verloren gehe, werde sich gewiss ein großes Säugetier ihrer annehmen. Mit 31 Jahren gibt sie sich zugleich ein bisschen abgeklärt. Das Publikum, das schon einiges über das Leben weiß, lacht und schenkt ihr Rosen (zu "Rosenkrieg") und eine Getränkedose (zu "Der Depp").
Annett Louisans Lieder sind dazu geeignet, von Frauen mitgesungen zu werden. So kommt es auch. Einen Platz weiter rechts nuckelt ein junger Mann nicht am ersten Schnapsfläschchen seines Abends. "Süß" und "wow", sagt er abwechselnd. Wartet er auf die Zeile "Je später der Abend, desto schöner die Herren"? Annett Louisan, auf ihre Weise die Klarheit in Person, wird von Missverständnissen umlagert.
Tournee: Alte Oper Frankfurt, noch mal am 5./6. März. www.annettlouisan.de