Vielleicht hätte Antye Greie lieber Malerin werden sollen. Erstens sind Frauen in der bildenden Kunst grundsätzlich eher gelitten als in der elektronischen Musik. Und zweitens würde Greie das, was sie mit Tönen und Wörtern tut, sie zerreißen und zerfetzen, demolieren, dekonstruieren und dann wieder notdürftig zusammensetzen, mit einer Leinwand veranstalten, dann wäre alles viel einfacher. Dann wäre es eben Kunst.
Aber Antye Greie ist nicht Malerin geworden. Sondern Musikerin. "Einzelkämpfer" ist ihr sechstes im Alleingang aufgenommenes Album. Mit anderen Projekten und Kollaborateuren kommt noch einmal ein gutes Dutzend weiterer hinzu. Es ist eine mittlerweile lange Liste, ein beeindruckendes Dokument einer ungeheuren Produktivität, die vielfältig ist, aber nie beliebig.
Dem zu folgen, war und ist nie einfach. Aber die Musik, an der sie beteiligt war, der sie ihren Stempel aufgedrückt hat, die erkennt man unweigerlich. Antye Greie ist, da ist das strapazierte Wort mal nicht fehlplatziert, tatsächlich einzigartig.
Auf "Einzelkämpfer" hört sich das so an: Texte, mal deutsch, mal englisch, aber immer kryptisch bis verschwurbelt, zerlegt und zerschnitten, aber von großer, wenn auch ungewöhnlich sperriger Schönheit. Beats, die den Takt nicht halten können oder sich gleich ganz verabschieden. Geräusche, Hallräume, verschattete Ideen. Immer wieder müde Erinnerungen an einen Abend im Club, aber auch Ahnungen von Kerzenschein, Romantik, sogar Kitsch. Das Spannungsfeld zwischen Empfindsamkeit und Entmenschung. Und natürlich: Versöhnung zwischen Mensch und Maschine.
Das klingt anstrengend. Und das ist es mitunter auch. Denn dieser ganz eigene Entwurf elektronischer Musik bezieht sich weder auf die traditionelle Idee vom DJ/Musikproduzenten als Dienstleister noch auf egomanische Soundbastler wie Aphex Twin oder Burial, die sich verstecken hinter Strumpfmaske oder Anonymität. In der Folge sucht man in Greies Musik ein simples Gefühl so umsonst wie vertraute Gesten, Klänge, Strukturen, auf die man sich als Hörer beruhigt zurückziehen könnte. Wäre sie Malerin, würde sie wohl ohne Unterlass Selbstporträts zeichnen, in Stücke schneiden und dann wieder zusammenkleben, mit Tesafilm vielleicht.
Geboren wurde Greie 1969 in Halle, nach der Wende ging sie weg, musste weg, irgendwohin, vor allem raus, und landete in Karlsruhe. Dort machte sie "einfach Songs" und spielte in einer Punkband. Doch ein halbes Jahr in London, einsam mit einem Commodore 64, veränderte Greie völlig. Danach hatte sie "die Schnauze voll von Gitarren", zog nach Berlin, vergrub sich in der Elektronik und gründete das Duo Laub. Die andere Hälfte, Jürgen Kühn, spielte zwar Gitarre, aber die durfte sich nicht, so das Dogma des Projekts, wie eine Gitarre anhören. Dazu sang Greie zerbrochene Lyrik: "vorsichtig ich. tanze still. lieber hock ich. mich noch einmal. hin."
Laub hatten niemals nennenswerten kommerziellen Erfolg, aber ihr einmaliger Ansatz erregte einiges Aufsehen. Angebote, sich als singendes Püppchen vermarkten zu lassen, lehnte Greie ab. Stattdessen begann sie unter dem Akronym AGF ein Solo-Projekt, völlig elektronisch und mit englischen Texten, aber noch radikaler als Laub. 2006 schließlich wurde sie von "The Wire", die monatlich in England erscheinende Bibel für avantgardistische bis seltsame Musiken, auf den Titel gehoben und für ihre Kompromisslosigkeit gelobt.
Die kann nur einer bremsen: Sasu Ripatti alias Vladislav Delay. Der Finne ist Vater ihrer 2006 geborenen Tochter, aber auch, neben vielen eigenen Veröffentlichungen unter Namen wie als Luomo, Sistol oder Uusitalo, musikalischer Partner. Als AGF/Delay bringt das Paar, das zwischen Berlin und Hailuoto pendelt, immer mal wieder einen Track heraus, zu dem man womöglich auch tanzen könnte.
Allein verantwortlich aber, als "Einzelkämpfer", hat Greie solche Zugeständnisse nicht nötig. Programmatisch zu verstehen ist wohl der Track "Practicing Beat Anarchy". In ihm deklamiert Greie: "Beat - Anarchie, Beat - Anarchie, Beat - Tyrann - Beat - run, Beat - Wahrheit". Dazu füllt ein scheinbar strukturloses Schaben und Schubbern die Luft, dem man alles unterstellen kann, nur eines nicht: Dass es einen Rhythmus hätte. Es ist ein für Greie typisches Patchwork aus Klang und Text, vor allem aber aus den Pausen dazwischen, die oft wichtiger scheinen als die liebevoll gesammelten Samples. Diese Musik lässt Leerstellen, lässt Raum, den der Zuhörer selbst füllen kann, ja soll. Und das ist es ja wohl, was Kunst können soll.