Dieser Tage verkündeten Radiohead, keine Alben mehr zu machen; in Berlin wurde kürzlich das größte Fachtreffen der Popbranche abgesagt, und in den Chartlisten dominiert seit Wochen ein Toter. Es sieht nicht gut aus für das Geschäft mit Songs.
Nicht, dass die Nachricht für Cornershop sonderlich überraschend käme. Ihre persönliche Branchenkrise hat die Band aus Leicester, die sich nach sieben Jahren von den Untoten zurückgemeldet hat, längst ausgestanden. Kaum eine Britpopband ist je so konsequent am breiten Erfolg vorbeigeschrammt wie Cornershop. Am nahesten waren die Freigeister dem Ruhm im Jahre 1998. Damals dudelte ihr milde verstrahlter Song "Brimful Of Asha" auf allen Kanälen.
"Judy Sucks A Lemon For Breakfast" von Cornershop ist als digitaler Download direkt von der Webseite der Band erhältlich. Die Veröffentlichung des regulären Albums folgt am 25. September via Cargo Records.
Ansonsten kam das Kollektiv um den indischstämmigen Tjinder Singh mit ihrer fröhlichen Patchwork-Ästethik nie über den Ruf als geschätzte Sonderlinge hinaus. Die Platten, sechs sind es mittlerweile, versammeln lässig hingehudelten Lo-Fi-Pop mit Melodien, die klingen, als seien sie Kinderliedern abgelauscht.
Cornershop: "Who Fingered Rock 'n' Roll" vom Album "Judy Sucks Lemon for Breakfast"
Singh vermengte Soul-Grooves und Glamrock-Riffs und würzte nach mit den Klängen seiner indischen Vorfahren: Tablas, Tanpura, Sitar - ebenso unbeschwert fehlerfreundlich gezupft und getrommelt wie ihre Rockgerätschaft. Im Radio wurde davon nie viel gespielt.
Dabei sah es kurzzeitig so aus, als passten Cornershop goldrichtig in eine Trendwelle. "Asian Underground Movement" hieß das Verkaufsetikett, das auf ein neues Selbstbewusstsein der asiatischen Einwandererjugend in Englands Großstädten zielte. Transglobal Underground oder State Of Bengal waren die Bands, die ihre Herkunft aus Pakistan, Sri Lanka oder Indien auf dem Revers trugen. Eine Band, die hip sein wollte, brauchte mindestens ein Mitglied mit asiatischen Wurzeln. Cornershop hielt sich aus diesem Betrieb heraus. Man war schließlich angetreten, um sich nicht über Herkunft zu definieren, sondern um solche Grenzen niederzutanzen.
Zuletzt sah es aus, als sei die Band an ihr Ende gekommen. Das Stammlabel, Wiiija in London, war pleite, Singh und Ben Ayres hatten Tagesjobs angenommen, und sie drehten einen Film - eine Dokumenation über den Niedergang der Londoner Independent-Kultur. Mit der Kommerz-Schelte ist das Duo offenbar noch nicht fertig. "Judy Sucks A Lemon For Breakfast" heißt das erste Werk nach der langen Funkstille.
Gleich der Einstieg ist ein Rüffel in Richtung der Major-Plattenfirmen und deren Praxis, die Preise für Musikdownloads in Dumping-Manier zu drücken. Seine Agitpop-Verse hüllt Tjinder Singh wieder in schluffig zerschlissene Retroklänge und warme Harmonien: Ein tief hängendes Stones-Riff trifft auf Gospelchöre, Sitar und indische Percussion setzen ihre charakteristischen Noten.
Der mantrisch kreisende Ohrwurm "The Roll Off Characteristics" klingt wie eine Stones-Hommage mit Marsala-Aroma; eine Trompete setzt ein, später auch Klarinetten. Eigentlich passt nichts richtig zusammen - und fließt doch sämig ineinander.
Es ist ein sonderbar abgelegenes Spielfeld, das Cornershop recht ungestört abseits aller Trends bespielen. Und auf dem die Band sich etwas einnehmend Naives bewahrt hat.
So selbstbezogen wirken Cornershop auf ihrem Reifewerk, dass man sich fragt, ob die beiden Frühvierziger überhaupt Notiz davon nehmen, dass ihre Fusion westlicher und östlicher Popsphären derzeit wieder haarscharf den Zeitgeist trifft. Wie gewohnt werden Cornershop viel Anerkennung für ihr Comeback einheimsen, bei Kritikern wie Kollegen; während die Chartplätze an andere gehen.