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HipHop in Kenia: Aus allem etwas machen

„Translating HipHop“ heißt das ehrgeizige Projekt, das sich das Berliner Haus der Kulturen der Welt und das Goethe-Institut ausgedacht haben. Eine Reise in die Slums von Nairobi, ins Herz der Kenianischen HipHop-Kultur.

Im Kibera-Ghetto bei Nairobi: Nazizi, die einflussreichste und bekannteste Rapperin Kenias (hinten li.), und die Beiruter Rapperin Malikah (re.).
Im Kibera-Ghetto bei Nairobi: Nazizi, die einflussreichste und bekannteste Rapperin Kenias (hinten li.), und die Beiruter Rapperin Malikah (re.).
Foto: Olad Aden

Am Ortsrand des Kibera-Ghettos muss der Minibus kurz halten. Rapper Mad Maxamom hält schnell den Fotoapparat in Richtung einiger rostiger Wellblechbuden, was ihm von Bewohnern und Passanten eher unerfreute Blicke einträgt. „Du solltest hier vielleicht nicht fotografieren“, sagt sein Kollege Octopizzo leicht beunruhigt. Und als Mad Maxamom meint, er habe doch nur so allgemein aus dem Fenster gehalten, variiert Octo etwas schärfer: „Es gibt Orte, da darfst du einfach nicht fotografieren.“ Es wirkt nicht gereizt, mehr wie eine Hilfestellung denn wie eine Belehrung. Und führt uns direkt zu dem Anlass, der Mad Maxamom – der eigentlich Max Timm heißt und aus Hamburg kommt – mit seinem kenianischen Kollegen Henry Ochieng hier in Nairobi zusammengeführt hat: Rapper sprechen über ihre Kulturen.

„Translating HipHop“ heißt das ehrgeizige Projekt, das sich das Berliner Haus der Kulturen der Welt und das Goethe-Institut ausgedacht haben. Dabei organisieren sie an fünf Orten Workshops mit anschließenden Konzerten, in denen Rapper aus Kolumbien und dem Libanon, aus Deutschland, den Philippinen und Kenia einander ihre Texte übersetzen und sich gemeinsam über deren Hintergründe verständigen. Nach Beirut und Bogotá ist Nairobi die dritte Station, Manila und zum Abschluss Berlin werden folgen.

Lingua Franca

HipHop mag zwar im westlichen Bewusstsein an Zugkraft eingebüßt haben, aber es ist noch immer die kraftvollste und populärste Jugendkultur auf der Welt. Und vor allem eine, die sich immer auch darüber definiert hat, dass sie jenen sozialen Gruppen ein Sprachrohr bietet, die sonst über keine kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten verfügen. Das tut sie derzeit zum Beispiel höchst erfolgreich in den arabischen Ländern, wo sie starken Einfluss auf die politischen Proteste hat. Aber auch sonst wirkt HipHop wie eine globale Lingua Franca, die von jeweiligen lokalen Idiomen getönt wird.

Der Ausflug nach Kibera – eines des größten und bekanntesten Ghettos in Afrika – lässt wie zur Einstimmung gleich einen soliden Grundbass dröhnen. Hier liegt Octopizzos Zuhause, eine winzige, fensterlose und mit einem ramponierten Sofa schon überfüllte Hütte, an deren Wand eine kleine Fotogalerie an seine erfolgreichen Auftritte erinnert. Octopizzo, gelernter Autoelektriker, hat das bestverkaufte Mixtape Kenias produziert, veröffentlicht gerade sein erstes Album und betreibt ein T-Shirt-Label namens Kibera Wear. Und er organisiert Touren durch Kibera, ein scheinbar endloses Tal nahtlos aneinandergeklebter Wellblechdächer.

Es herrscht deprimierender Mangel an Wasser und Strom, und die unbefestigten Wege verwandeln sich bei Regen in Schlammbahnen, was Kibera den Beinamen Chocolate City eingebracht hat. Kinder spielen fröhlich kreischend zwischen Hühnern und dösenden Hunden, während auf Bergen von Blech-, Plastik- und Lumpenmüll Ziegen herumlungern. Vor jeder der Hütten haben die Bewohner Decken ausgebreitet, auf denen sie Gemüse anbieten, verrostete Schaufelblätter und weiteres gut gebrauchtes Werkzeug oder Elektroteile, die man in Deutschland wohl kaum ungestraft zum Sperrmüll bringen dürfte.

Die Sprache heißt Sheng

Mittendrin stehen ein paar hohe Tonnen, in denen Fäkalien zu Biogas gewandelt werden. Nichts ist zu ausrangiert, um nicht irgendjemandem noch zu nutzen. Man kommt nicht umhin, sich mal wieder für deutsche Rapper-Darsteller wie Bushido und ihr distanzloses Ghettogelaber zu schämen. Vor allem aber sitzt man später beeindruckt in den Arbeitsräumen des Goethe-Instituts im modernen Geschäftsviertel Nairobis, wo sich die eingeladenen Künstler ihre Tracks vorspielen und ihre HipHop-Geschichten erzählen.

Zum Beispiel Nazizi, die einflussreichste und bekannteste Rapperin Kenias: Sie begann ihre Karriere in den mittleren neunziger Jahren mit einer Crew namens Kalamashaka aus Dandora, dem anderen großen Armenviertel Nairobis. Aus deren Umfeld stammt nicht nur sie, auch andere Workshop-Teilnehmer wie MC Kah und Sharama kommen dort her. Nicht zufällig erinnert ihr Stil an den Conscious-Rap der frühen 90er, als sich Sozialkritik und politischer Aktivismus gern mit afrozentrischen Ideen mischten.

Natürlich geht es auch hier immer wieder um Wege zum Ruhm, schließlich betreiben 95 Prozent der HipHopper, schätzt Nazizi, „side-hustles“, andere als ihre musikalischen Gewerbe. MC Kah, seit über zehn Jahren im Geschäft, zum Beispiel arbeitet in einem Jugendprojekt in Dandora. Sein Workshop-Text handelt von der Ausbeutung afrikanischer Frauen, Nazizi bringt ein Stück über die Erschöpfung angesichts nie versiegender Missstände.

Sie rappen auf Sheng, einem gerade mal 30 Jahre alten Straßen- und Jugendslang, dessen Verwendung dem kenianischen HipHop seine Identität gab. Vergleichbar den afroamerikanischen Ebonics unterläuft Sheng die Herrschaftssprache, indem es die Amtssprachen Swahili und Englisch mischt und mit Wörtern der vielen Sprachen anreichert, die in den Armenvierteln gesprochen werden.

Flow und Beats

So ähnlich scheint auch die Verständigung im Workshop zu funktionieren. Vor aller Übersetzung bilden schon der Fluss und die Haltung von Reimen und Beats eine Art Kopfnicker-Esperanto. Später am Abend kann man das begutachten, als im luftigen Penthouse von Goethe-Institutschef Johannes Hossfelds, wohin einheimische Presse, Freunde des Hauses und die Workshopper geladen sind, ein Freestyle-Battle anläuft: Angefeuert von den Partygästen hauen sich die Rapper zu ein paar mitgebrachten Beats aus dem Stegreif Reime auf Sheng und Filipino, Deutsch, Englisch oder Spanisch um die Ohren – ein kleiner Vorgeschmack auf das Konzert am nächsten Abend im Goethe-Institut, das alle beteiligten Rapper auf die Bühne bringt.

Das knapp fünfstündige Konzert dürfte für die meisten, wie einer der Beteiligten später schwärmt, wohl eine „Once-in-a-lifetime-experience“ sein. Das Publikum bejubelt den massiven Gemeinschaftsauftritt Nazizis mit ihrer politisch entschlossenen Landsfrau L-Ness und der großartigen Beiruter Rapperin Malikah. Letztere bekommt sogar immer wieder Szenenapplaus, wenn die Kenianer ein paar arabische Wörter verstehen – der arabische Sklavenhandel des 19. und 20. Jahrhunderts hat sich auch im Swahili niedergeschlagen.

Und wenn einheimische Größen wie MC Kah Dandora die Bühne übernehmen, drehen die Leute genauso durch wie bei Mad Maxamom, der mit sonnenrotem Kopf und „Hamburg Siddi!“-Ruf wie irre umher tobt. Man feiert das muskulöse Dancehallraspeln vom kolumbianischen Rapper Melanina ebenso wie den zuckenden Elektro-Dada der Berlinerin Anne Kahn, die mit prachtvoll sinnleeren Einwürfen vom Kenianer Moroko verstärkt wird, und der Saal hüpft schließlich armwedelnd zu Octopizzo und seinen Kibera-Homies, die eine etwas aggressivere Ästhetik in den Saal blasen.

Auf den Punkt gebracht

Ein wenig betrüblich könnte man dabei finden, dass die Beats meist westlichen Standards folgen. Die ostafrikanische Tradition – am bekanntesten der Rumba-beeinflusste Benga – findet in den HipHop-Samples nicht statt. Auch der Nazizi-Track, der mit Malikah und Maximom zum Abschluss in den kleinen Headbangaz-Studios im Business- und Clubbezirk Westlands von den Workshop-Teilnehmern eingespielt und bis zur Abschlussshow in Berlin noch bearbeitet wird, orientiert sich an amtlichen, internationalen Standards. Nazizi spricht in ihrem wuchtigen Track vom Genervtsein über die mühsame Arbeit als Musiker, der ohne Radiounterstützung seinen Unterhalt meist mit Direktverkäufen bei den wenigen Auftritten verdienen muss. Sie sei manchmal die Verantwortung müde, Stimme eines ganzen Landes zu sein, und sie stöhnt über Polizeiwillkür und das Elend der Slums.

Von Slums verstehen auch die Leute aus Beirut, Bogotá und Manila so einiges. Maxamom wiederum versucht gar nicht erst, die kenianischen Probleme in seine Worte zu tragen. Er holt den Überdruss nach Deutschland, rempelt gegen soziale Zwänge und die politische und kreative Klasse in Hamburg. Und statt mit wohlfeilen Ghettobildern oder gar der Armut zu konkurrieren, rappt er zu Nazizis überraschter Freude, davon, wie ihm die anorektischen Models der Edelfashion auf die Nerven gehen.

So beklagen zwei Rapper in ein und dem selben Track Luxus-Anorexie und den Hunger der Ausgeschlossenen – erfolgreicher könnte man den angestrebten kulturellen Transfer von „Translating HipHop“ wohl kaum auf den Punkt bringen.

Autor:  Markus Schneider
Datum:  6 | 4 | 2011
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