Musik

21. März 2013

Ausstellung "David Bowie Is": Die geballte Ladung Bowie

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David Bowie auf der Bühne. Foto: dpa

Was für eine Reise! Die Ausstellung "David Bowie Is" im Victoria and Albert Museum London zeigt schräge Bühnenoutfits, handgeschriebene Songtexte, Bilder und weitere Stücke aus der glamourösen Karriere von David Bowie.

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Was für eine Reise! Die Ausstellung "David Bowie Is" im Victoria and Albert Museum London zeigt schräge Bühnenoutfits, handgeschriebene Songtexte, Bilder und weitere Stücke aus der glamourösen Karriere von David Bowie.

Los geht’s. Nimm Deine Proteintabletten und setz den Helm auf“, heißt es in der ersten Single. 1969 betritt ein Wesen unklaren Geschlechts, wie es die Welt noch nicht gesehen hat, die Bühne der Öffentlichkeit. An vieles war man schon gewohnt in der sich austobenden Pop-Revolution, aber dieses Geschöpf war außergewöhnlich. Das schmale Gesicht erschreckend blass, die Wimpern getuscht, die rot gefärbten Haare anmutig toupiert, den Pony liebevoll verwirbelt – ausgerechnet diese androgyne Gestalt wagte es, sich die Rolle des angesagtesten Helden der Männerwelt überzustülpen, die des Astronauten.

Soeben war Apollo 11 auf dem Mond gelandet. Das Wunder war: Die Eingemeindung des Astronauten in die Sphäre des schrägen Vogels funktionierte und leuchtete ein. Gleich mit seiner ersten Single „Space Oddity“ hatte David Bowie die Sphäre des Irdischen verlassen. Er glich niemandem auf dem Erdenkreis, es sei denn einer denkbar durchgeknallten Friseuse aus dem Eastend. Die Friseuse war ins Weltall aufgebrochen und verkündete von dort das Ende aller Gewissheiten. Nun ist sie wieder gelandet, ausgerechnet im ehrwürdigen Victoria and Albert Museum in London, dem größten Kunst- und Designmuseum der Welt.

David Robert Jones, wie er wirklich heißt, hat für die Ausstellung „David Bowie is“, die an diesem Wochenende in South Kensington beginnen wird, sein Archiv öffnen lassen. Mehr allerdings nicht. Macht alles übrige mit meiner Archivarin aus, schrieb er den V&A-Kuratoren Geoffrey Marsh und Victoria Broackes. Er selbst wollte nichts damit zu tun haben, geschweige denn sich einmischen. Niemand aus dem Team hat mit David Bowie auch nur sprechen können. Dass er im Vorfeld der Ausstellung eine neue LP veröffentlichen und damit nach fast zehn Jahren des Schweigens eine Art Comeback einläuten würde, konnten sie nicht ahnen. Er selbst vielleicht auch nicht.

Geballte Ladung Bowie

Die Ausstellung bietet die geballteste Ladung Bowie, die man sich vorstellen kann. Kostüme, Bühnenmodelle, Zeichnungen, Textentwürfe, Skizzen für Videos, überhaupt Videos in jeder Projektionsgröße, Interviewauschnitte, Bühnenkostüme. Bowie-Porträts berühmter Fotografen wie Terry O’Neil oder Brian Duffy. Die für Bowie gefertigten Op-Art-Pluderhosen von Kansai Yamamoto, auf Kniehöhe ausladend wie Schaufelräder. Man schlendert mit einem Kopfhörer durch meist chronologisch geordnete Szenarien und bekommt dazu die passende Musik auf die Ohren. Oder des Künstlers warme Stimme aus diversen Interviews.

Die Ausstellung hält die Waage zwischen sentimentalen Erinnerungen und analytischer Schärfe. Sie macht vor allem den enormen Einfluss deutlich, den Bowie als „Astronaut des Inneren“ auf die zeitgenössische Kultur hatte. Er verwandelte das Bild der erotischen Abweichung von einer tragischen Fixierung zu einer spielerischen Option. Er löste sich vom Charakter als Schicksal und überbot ihn durch erfundene Identitäten.

Angefangen hat er ganz anders. Die Kon-rads, bei denen er mit 16 Jahren sang und Saxofon spielte, machten Rock’n’Roll im Elvis-Stil. Aber schon die erste eigene Single gibt den weiteren Weg exakt vor: die mondweite Entfernung, die Major Tom von den alten Gewohnheiten trennt, das Glück, so weit vorzustoßen in das All der selbst angemaßten Möglichkeiten, schließlich eine in den hymnischen Refrain hineinspielende Verlorenheit. Gerade diese Ambivalenz von Selbstberauschung und Selbstverlust bringt das Lebensgefühl der erotischen Verunsicherung und Experimentierlust dieser Zeit auf den Punkt. „Space Oddity“ bleibt bis heute die meistverkaufte Aufnahme Bowies überhaupt.

Bei Bowie zerfließen Trennlinien

Bowie lässt nicht nur die Trennlinie zwischen männlich und weiblich zerfließen, sondern auch die zwischen den konstruierten Identitäten und sich selbst. Sein bevorzugtes Kleidungsstück ist passenderweise der Jumpsuit, der Overall der Fallschirmspringer, der die Grundform liefert für unzählige, meist enganliegende Varianten: aus Netzstoff mit einem kurzen und einem langen Bein, aus Wolle mit Kaninchenmuster, Bodys mit aufgenähten Plüschhänden, die von hinten die Brust befummeln, oder mit kurz geschnittenen Beinen, die an den Spielhöschenlook der Fünfziger Jahre erinnern. Die Fingernägel meist passend lackiert, trat Bowie auch als Witwe am Krückstock auf oder als laszive Sphinx, deren Körper im Unterleib einer Dogge endet mit schaukelndem Geschlecht.

Während die Rockmusik in der Regel nach Authentizität trachtet, geht Bowie den entgegengesetzten Weg, setzt auf Maskierung, Kostümierung, Schauspiel. Neben Major Tom, auf den er mehrfach zurückkommt, erfindet er unter anderem die in der V&A-Show reich dokumentierten Kunstfiguren Ziggy Stardust, Aladdin Sane, The Tin White Duke und den Detektiv Nathan Adler.

Bowie selbst gab einmal zu, mit den Alter Egos nicht so versiert umgehen zu können wie ein Autor mit seinen Figuren. Der Leerraum zwischen den konstruierten Identitäten ist beträchtlich, das Glück der wechselnden Selbstermächtigungen bezahlt mit jener Deplaziertheit, die Bowie über die Jahrzehnte hinweg stets als den „Mann, der vom Himmel fiel“ erscheinen lässt oder eben als den, der ins All aufbricht und zu seiner Umwelt allenfalls Funkverbindung hält. Dass er Verunsicherung und Fremdheit ohne jede Spur von Verbissenheit begegnet, ohne jenes rocktypische Mackertum, dass ein ebenfalls androgyner Mick Jagger noch in den tuntigsten Verrenkungen durchscheinen lässt, macht ihn einzigartig.

Bowie ist nicht kämpferisch

In der Kindlichkeit, mit der er sich in seiner Blechbüchse sitzend ins All träumt wie der kleine Häwelmann in seinem Bett – here I’m sitting in a tin can, far above the world –, hat sein glamouröses Spiel entwaffnende Wirkung. Bowie ist absolut nicht kämpferisch, aggressionsfrei wie kein anderer Rockstar seiner Klasse. Wohl deshalb konnte er ein Resultat erzielen, dass in der Ausstellung resümierend gleich in vier Sprachen übersetzt ist: „David Bowie sagt: ,Die Scham war auf der anderen Seite.’“

Das Zitat stammt aus seinem Berlin-Song „Heroes“. Das Heldentum ist selbst in diesem Lied aus purer Arglosigkeit gewonnen und noch von den borniertesten Figuren nicht als Kampfansage zu verstehen. So war es immer: Die Ausstellung präsentiert einen rechtschaffen konsternierten BBC-Kommentator, der, statt zu wettern, sich fast grübelnd die Frage stellt, wie ein „selbstkonstruierter Freak mit silbern lackierten Fingernägeln“ es schaffe, diese Tausenden von kreischenden weiblichen Fans zu erzeugen.

„Heroes“ wird über das eigentliche Motiv einer Liebesszene an der Berliner Mauer hinaus im Kontext der Bowie-Aura zu einer Hymne, die die Abweichung nobilitiert und alle ermutigt, die zu Helden ihrer Lebensgeschichte werden wollen – und sei es für einen Tag. In diesem Programm ist Bowie, der Verwandlungskünstler, sich stets gleich geblieben. Er steht so, wie er in seinem jüngsten Song „Where are we now“ auf seine Berliner Jahre zurückkommt, und so, wie er immer wieder Major Tom oder Ziggy Stardust zitiert, für Kontinuität. Einen Schlusspunkt setzt die Ausstellung in einem Raum, in dem „Heroes“ parallel in drei Konzertmitschnitten aus verschiedenen Jahrzehnten läuft. „Just for one day“, heißt es in dem Song ja nicht nur, sondern: „forever and ever“.

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