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Musik

06. Januar 2016

Avantgarde-Musiker: Komponist Pierre Boulez ist tot

 Von Hans-Jürgen Linke
Die Sache mit den Opernhäusern blieb an Pierre Boulez kleben, aber sein Lebensprinzip war das hellwache Aufnehmen von Neuem.  Foto: afp

Einer der bedeutendsten Vertreter der musikalischen Avantgarde ist tot: Pierre Boulez starb im Alter von 90 Jahren. Der Komponist, Dirigent und Lehrer von Weltruf galt als radikaler Erneuerer.

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Die Sache mit den Opernhäusern war ein Missverständnis jener Art, wie es heute durch die so genannten sozialen Medien ubiquitär geworden ist: Da sagt oder tut einer etwas Komplexes, kaum jemand versteht das zwar so richtig, aber mittendrin findet sich ein scheinbar einfacher Satz, der, aus dem Zusammenhang gerissen, fortan wie eine selbstklebende Briefmarke überall auftaucht. Boulez habe die Opernhäuser in die Luft sprengen wollen, heißt es dann, Jahrzehnte lang. Wollte er natürlich nicht. Es ging ihm um eine Chiffre für eine radikale und notwendige Erneuerung im Musikbetrieb. Sein Befund, die Opernhäuser seien voller Touristen, voller Staub und Schmutz, war eine zugespitzte metaphorische Wahrheit über einen zentralen Bereich des Musikbetriebs in den fünfziger Jahren und noch lange danach.

Der Betrieb hat sich, mit einiger Verspätung, dieser Diagnose gestellt und sich an vielen Stellen verändert. Boulez war Teil dieses Prozesses.

Der am 26. März 1925 in Montbrison an der Loire, westlich von Lyon, geborene Pierre Boulez wollte ursprünglich Mathematik und technische Wissenschaften studieren, scheiterte aber, zum Glück für die Musik des 20. Jahrhunderts, an Aufnahmeprüfungen. Schon mit 18 wurde er in Paris Kompositionsschüler von Olivier Messiaen, spielte Klavier in Variétés, schrieb und spielte Musik fürs Theater und gründete eine eigene Konzertreihe – alles innerhalb kürzester Zeit. Er war jung und genial und betrat den Musikbetrieb als ungeduldiger Neuerer.

Wer allerdings Pierre Boulez je kennenlernen konnte und seine reale Erscheinung mit der jakobinischen Gestalt der Legenden und Anekdoten seines Wirkens verglich, ahnte sofort, dass auch hier ein grundlegendes Missverständnis vorliegen müsse. Natürlich: Er hatte in seinem Essay „Schönberg ist tot“ dem Begründer der Zweiten Wiener Schule Unentschiedenheiten und ästhetische Unvereinbarkeiten vorgerechnet und daraus die Konzeption der Seriellen Musik bis in die Sackgasse hinein entwickelt; er hat sich über Henze lustig gemacht und sogar über seinen eigenen Lehrer Olivier Messiaen; er hat in Darmstadt bei den legendären Ferienkursen der fünfziger und sechziger Jahre gelehrt und durch seine Rigorosität wohl Angst und Schrecken unter Kollegen verbreitet. Aber das alles geschah, weil Boulez sich stets einer persönlichen Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlte. Wahrhaftigkeit und Wahrheit kann man schon mal miteinander verwechseln, zumindest vorübergehend. Und für Pierre Boulez gab es keine anderen Wahrheiten als vorübergehende. Das Sich-Verändern, das hellwache Aufnehmen von Neuem war sein künstlerisches Lebensprinzip – und nicht der Dogmatismus, als dessen Exponenten ihn die Anekdoten zuweilen sehen.

Schlagartig bekannt wurde Boulez 1955 mit seinem in Baden-Baden uraufgeführten Werk "Le Marteau sans maître" (Der Hammer ohne Meister). Ende der 50er Jahre zog er in die Schwarzwald-Stadt und wurde Chefdirigent des SWF-Sinfonieorchesters.  Foto: afp

In der Wirklichkeit der Begegnung, des Gesprächs war er verständnisvoll und liebenswürdig, eher introvertiert als dominant, intensiv nachdenklich, ungemein höflich und klug, neugierig und von frappierender Klarheit der Gedankenführung. Und völlig frei von geborgten Attitüden.

Vielleicht entspricht es vor allem einem Wunsch der Öffentlichkeit, einem mächtigen Menschen unerfreulich diktatorische Eigenschaften anzudichten.

Denn eine wirkungsmächtige Gestalt im internationalen Musikbetrieb war Pierre Boulez zweifellos. Er war, zusammen mit anderen Jahrhundert-Gestalten wie Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen, einer der prägenden Komponisten der Neuen Musik, solange er sich als Komponist verstand. Er war ein scharfer Denker, der die eigenartige Zwischenstellung der Musik zwischen wortloser Gefühligkeit und mathematischer Berechenbarkeit radikal reflektierte, solange die Reflexion eine Erneuerung des Musikbetriebes zu versprechen schien. Er war später, als er das Komponieren eingestellt hatte, ein Dirigent, der das Dirigieren vom Denken und vom Komponieren nicht trennen wollte und so zu einigen der weitreichenden Revisionen in der Musikgeschichte entscheidend beitrug. Seine Rezeption und dirigentische Interpretation Richard Wagners etwa veränderten dessen musikgeschichtliche Position. Boulez war ein bahnbrechend aufmerksamer Leser von Partituren und ein überaus effektiver Vermittler dessen, was er in ihnen zu lesen und zu verstehen vermochte. Und er entwickelte beim Dirigieren zu den Künstlern, mit denen er arbeitete, ein empathisches Verhältnis. Über die Musiker sagte er: „Sie sind alle große Persönlichkeiten, sie haben ihre eigene Idee von dem Stück. Ich akzeptiere das. Sonst würde ich ja gegen ihre Persönlichkeit angehen. Und das ist nicht gut.“

Boulez 1984 mit US-Musiker Frank Zappa und dem damaligen französischen Kulturminister Jack Lang (l.)  Foto: afp

Wie nebenbei suchte und fand Boulez in der Politik Verbündete, etwa für seine Veränderungs-Ideen in Sachen Musikbetrieb. Seiner Initiative und Beharrlichkeit verdankt sich die Gründung des IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique, Deutsch: Forschungsinstitut für Akustik/Musik) im Pariser Centre Pompidou.

Fast selbstlos mochte erscheinen, wie der älter werdende Pierre Boulez, inzwischen überwiegend in Baden-Baden lebend, seine Rolle als Förderer aktueller Musik gestaltete. Ohne noch eine Spur des alten Serialitäts-Dogmatismus widmete er sich dem Werk junger Komponisten, schloss Freundschaften, las und verstand Partituren oft besser als ihre Autoren und war ein gesuchter und hoch geschätzter Partner für Gespräche und Uraufführungen. Er hatte ein sehr weites Herz und ein ungemein waches Bewusstsein für Wahrhaftigkeit und Qualität.

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Er verfolgte nicht die Implantierung fest gefügter ästhetischer Prinzipien, sondern die angemessene Entwicklung musikalischer Individualitäten. Für die hatte er ein untrügliches Gespür. So war es niemand anderer als Pierre Boulez, der schon in den siebziger Jahren in dem rebellisch stilisierten Rockmusiker Frank Zappa den ernsthaften Komponisten erkannte. Als erster Vertreter der so genannten E-Musik spielte er Kompositionen Zappas mit dem Ensemble InterContemporain – dem Musiker-Ensemble des IRCAM – ein.

Pierre Boulez starb am 5. Januar in Baden-Baden. Es hat in seinem Leben nicht an Anerkennung und an Auszeichnungen gefehlt – unter anderem gab es 26 Grammys, das Bundesverdienstkreuz mit Stern, den Ernst von Siemens Musikpreis, den Polar Music Prize, und im vergangenen Jahr wurde ein Asteroid nach ihm benannt: 13602 Pierreboulez. So ist er, zumindest nach menschlichen Maßstäben, unsterblich geworden.

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