Die aufregendsten neuen CD-Zyklen mit Beethoven-Sinfonien, die in den letzten Monaten auf den Markt kamen, stammen gerade von den zahlenmäßig kleinsten Orchestern. Ob Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi, ob Kammerorchester Basel unter Giovanni Antonini oder Anima Eterna Brügge unter Jos van Immerseel: Alle verdienten sie sich Bestnoten in Sachen Temperament und Transparenz, Agogik und Akzent.
Mit einer solchen Musizierhaltung hat Kurt Masur denkbar wenig am Hut. Der 81-jährige Dirigent ist jetzt nach Frankfurt in die Alte Oper gekommen, um mit dem Orchestre National de France an vier Tagen alle neun Beethoven-Sinfonien in chronologischer Reihenfolge aufzuführen. Das ist schon etwas besonderes, doch ein Solitär im Konzertwesen ist es nicht: Masur durchstieg Beethoven von Eins bis Neun zuletzt 2008 beim Bonner Beethoven-Fest, wo in diesem Jahr Paavo Järvi mit seinen Bremern zyklisieren wird; van Immerseel hatte einen integralen Beethoven auch 2008 im Konzerthaus von Brügge. Masur läuft den Marathon aber doppelt: Heute beginnt er im Festspielhaus Baden-Baden gleich wieder bei der Sinfonie Nr. 1.
Was Kurt Masur mit den Beethoven-Dirigenten der kleinen Besetzungsstärken und der historisch informierten Aufführungspraxis verbindet, ist nicht viel. Einzige Parallele: Er dirigiert traditionell ohne Taktstock - doch ist dies Folge eines Autounfalls im Jahr 1997. Ansonsten setzt Masur durch die Bank auf gänzlich andere Werte. Sein Beethoven, wie er ihn jetzt in Frankfurt vor einem den Maestro begeistert feiernden Publikum präsentierte, ist weder attackierend noch heroisch, Extreme oder Irritationen sind nicht zu hören.
Man sieht es schon an der Besetzung des Französischen Nationalorchesters, dessen Chefdirigent Masur einst war und das ihn zum Ehrendirigenten ernannt hat. Waren die ersten beiden Sinfonien noch etwas reduziert in den Streichern, pendelte es sich bald schon bei 16 ersten Geigen ein. Zum Vergleich: Van Immerseel setzt hier sechs ein, Järvi acht.
Cremiger Wellness-Beethoven
Für die Klangbalance bedeutet dies: Ein satter, mit viel Vibrato geführter Streicherklang dominiert - und führt mitunter zu ausgesprochenen Missbalancen. So sah man etwa in der vierten Sinfonie den Pauker mit härtesten, kleinsten Schlägelköpfen am Werk, doch ging sein Part komplett unter im Bassraunen. Dabei verfügt das Orchestre National de France, das nicht zu den wirklichen Toporchestern zählt, über eine hohe Holzbläserkompetenz; im langsamen Satz der Vierten kamen sie gut zur Geltung, wie überhaupt die langsamen Sätze mit ihren weiten Bögen für einiges entschädigten.
Denn als rundum gelungen kann man diesen Beethoven-Zyklus nach alter Art nicht bezeichnen. Masur selbst sagte zwar in einem Interview im Jahr 2003, er sei "noch radikaler geworden" im Kampf darum, Beethovens Innenwelten deutlich werden zu lassen. Doch welche Radikalität meint er? In Frankfurt hörte man vor allem einen cremigen Wellness-Beethoven, ohne Spitzen und Kanten. Wenn ein mit "Allegro vivace e con brio" überschriebener Kopfsatz (der Achten) völlig akzentfrei sich abspielt und eine Fünfte durch ihre Weichheit auffällt, sehnt man sich nach klanglicher Prägnanz, nach etwas Revolution.
So richtig zum Anachronismus wurde dann die Neunte. Eigentlich Masurs Leib- und Magenwerk, denn in seiner politischen und humanistischen Aufrichtigkeit ist Masur dem Meister ja ganz nah. Für diese Neunte, in der der Frankfurter Beethoven-Zyklus gipfelte, ließ Kurt Masur die geballte Chorpopulation der Stadt auftreten: Vier große Oratorienchöre und ein Kinderchor, mehr als 250 Stimmen - die allerdings trotz der Massierung beachtlich präziser agierten als das französische Orchester, genauer artikulierten und mehr Kontur zeigten. Jos van Immerseel, dies nur zum Vergleich, benötigte neulich für seine Beethoven-Neunte 45 Mitwirkende, Choristen und Instrumentalisten schon zusammengezählt.
Obwohl sich Kurt Masur bei dieser Neunten dann auch von seiner vehementeren Seite zeigte, wieder ein gutes Ohr hatte für den langsamen Satz mit seinem organisch gestalteten Schluss, wurde sie, ja, zur Qual. Weil der erste Satz verunglückte und weil das Chorfinale wie aus der Zeit gefallen wirkte. Mit einem Tenor-Solisten, der brüllen muss, um sich durchzusetzen, mit einem Chor, der zur Masse degradiert wird. Muss Beethoven 2009 so klingen?
Dieser Art, Beethoven aufzuführen, aber fehlt es nicht an Zuspruch: Alle vier Konzerte in der Alten Oper waren ausverkauft. "Ich empfinde am meisten Stolz, wenn nach dem Schlussakkord der Neunten eine halbe Minute lang erst mal überhaupt niemand applaudiert. Dann weiß ich: Du hast es getroffen!", so Masur im Interview. Diesen Gefallen taten die Frankfurter ihm nicht.
Kurt Masurs Beethoven-Zyklus in
Baden-Baden: 26.-29. März. www.festspielhaus.de