Any Sailors here?“, fragt Jon Boden ins Publikum. Die Fahrt von Hamburg nach Aschaffenburg muss der Bellowhead-Sänger verschlafen haben. Sicher hat auch die Stadt am Main einen Hafen, aber dass sich ein Binnenschiffer hier in den Colos-Saal verirrt, das ist doch eher unwahrscheinlich. Wer heute Abend gekommen ist, der will Englands derzeit hochgelobten Folk-Act erleben. Gleich fünfmal in den letzten Jahren hat Bellowhead den Award der BBC als beste Liveband erhalten und bislang konnte man den Breitwand-Folk der Engländer hierzulande nur auf Konserve genießen. „Hedonism“ etwa, die aktuelle CD der Band, vor allem aber das von allen Bandmitgliedern gestaltete „Umbrellowhead“, das den schillernden Stilmix der elfköpfigen Band wunderbar nachzeichnet. Gemeinsam mit dem virtuosen Akkordeon-Sammler John Spiers hat Boden 2004 die Band gegründet und vor weiteren Konzerten in Köln (5. 2.), Berlin (6. 2.) und Hannover (7. 2.) sind sie erfreulicherweise auch in Aschaffenburg zu Gast.
Die Tour der Band begleiten zwei Stimmen aus Alabama, die mit sanftem Harmoniegesang den rüden Folk kontern. Laura und Lydia Rogers haben ihre Karriere in Siebenmeilenstiefeln begonnen. Aufgewachsen sind die beiden Southern Belles in einer Hillbilly-Familie tief im (weißen) Süden der USA. Hank Williams ist hier der Hausgott und ihr erstes Album haben sie gleich in Nashville aufgenommen. Kein Geringerer als T-Bone Burnett hat sie unter seine Fittiche genommen und in Aschaffenburg erklärt sich seine Begeisterung für „The Secret Sisters“: Puren Folk hören wir, Bluegrass-Songs vorgetragen mit klarer Stimme zu schlichter Gitarrenbegleitung und eine tiefe Verbeugung auch vor den Everly Brothers. Ein sanfter Auftakt zu einem Abend, der so milde nicht bleiben wird, denn mit Jon Boden steht hernach ein Energiebündel auf der Bühne.
Songs mit Gruseleffekt
Nicht von ungefähr hat die Band den Brel-Klassiker „Amsterdam“ im Repertoire und so manches andere, das nach Vaudeville klingt und immer auch ein wenig nach Kurt Weill. Gerne singt Bolden alte Schauerballaden, Songs mit Gruseleffekt wie das gespenstische „The Unquiet Grave“ (hier heißt es „Cold Blows The Wind“) aus der Sammlung von Francis James Child oder das nicht minder düstere „The Bramble Briar“. Unterbrochen von schnellen Tanzstücken, serviert Bellowhead einen Mix aus derben Shanties und dunklen Balladen vom schrägen „Whiskey Is the Life of Man“ bis zum sinistren „Bruton Town“. Pete Flood, der hinter seinem Drum-Set tanzt, gibt den Rhythmus vor und den Gesang begleiten Geigen (zuweilen gleich drei), Cello und Mandoline, aber auch Posaune, Tuba, Trompete und Saxophon. Nicht zuletzt die vier Bläser sind es, die dem Speedfolk der Band seine Energie geben.
Mit ihrem klassischen Songrepertoire bewegt sich die Band in den Spuren von Steeleye Span oder Fairport Convention, aber so entfesselt – und dennoch virtuos – hat man in den Zeiten des ersten Folk-Revivals nicht zu spielen gewusst. Die Tänzer im Publikum haben es nicht eben leicht, wenn gleich mehrfach im Stück Rhythmus und Richtung wechseln. Vorlage weniger zum gepflegten Volkstanz als zum ausgelassenen Hüpfen. Da spielt die Bläser-Fraktion noch Polka, während die Geiger schon wieder einen Jig ins Muster flechten. Munter hüpft man also drauflos und entspannt bei der nächsten Ballade. Ein grandioses Konzert einer ungemein quirligen Band.