Die langen Nächte im Quasimodo, im Quartier Latin, im Podewil, den Orten des Total Music Meeting in Berlin, sind für viele Alt-Achtundsechziger bewegte Erinnerungen. Als die Klangsalven Peter Brötzmanns dem kollektiven Zorn Gehör verschafften, saß ein bärtiger Toningenieur mit konzentriert-grimmigem Blick am Mischpult und überwachte Tonbandaufnahmen, die später als LP bei dem Label FMP (Free Music Production) erschienen: Jost Gebers, der Mann am Mischpult, hat mit Konzerten und Schallplatten die kreative Zeit der freien improvisierten Musik in Europa umfassend dokumentiert .
"Gucken, wat bietet sich an. Eine richtige Planung gab´s eigentlich gar nicht. Du hast die Dinge gemacht, die plötzlich da waren." Jost Gebers erinnert sich an die Aufbruchstimmung der späten sechziger Jahre. Das größte Musikereignis der Epoche war das Woodstock-Festival, zum Zauberwort in der populären Musik wurde "Improvisation" mit ihrer grenzüberschreitenden Tendenz.
Im der Entwicklung des europäischen Jazz gehören das Berliner Total Music Meeting und die Produktionen der Free Music Production (fmp) zu den
sichtbarsten Wegmarken. Seit 1968 fand das Total Music Meeting als
paralleles Gegenfestival zum Berliner Jazzfest statt. Die oppositionelle Position zu bewahren, wurde im Laufe der Jahre immer schwieriger. In diesem Jahr hat das Total Music Meeting nicht
stattgefunden. (fr)
Die Zeit der Improvisation
Improvisiert war auch die Gründung der Free Music Production im Herbst ´69. Jost Gebers, Berliner Kontrabassist, und Peter Brötzmann, Saxofonist aus Wuppertal, hatten 1968 in Berlin das erste Total Music Meeting organisiert. Brötzmann war vom Berliner Jazzfestival ausgeladen worden, nachdem nicht sicher sein konnte, dass seine Band im vorgeschriebenen schwarzen Anzug auf die Bühne kommen würde. Die vier Nächte im Quasimodo - parallel zum Jazzfestival - wurden ein Fanal der neuen Zeit. Hier spielten europäische working bands und ad-hoc-Besetzungen, Stars aus der Philharmonie kamen spät in der Nacht dazu.
Doch es gab auch Pannen. So verschwand die Kasse mit den Eintrittsgeldern und Tickets. Gebers, der selbst als Bassist mitwirkte, zog die Konsequenz, in Zukunft nicht als aktiver Musiker auch noch die Organisation des Festivals zu übernehmen. Bestärkt wurde er darin ein halbes Jahr später, als bei einem Workshop Freie Musik in der Akademie der Künste ein frustriertes Publikum das Konzert sprengte. Es hatte Bluesrock mit der Alexis Korner Band erwartet, dem Headliner des Workshops, aber keine freie Musik, bei der Korner mitwirkte.
Im Sommer ´69 entstand die Idee, eine Firma für die neuen Klänge zu gründen, die weder bei kommerziellen Veranstaltern noch Schallplattenfirmen eine Chance hatten. Gebers erzählt: "Die Initiative kam wiederum von Brötzmann, ob ich nicht das machen könnte, was mit Management und solchen Sachen zu tun haben könnte. Wir haben uns das irgendwie ausgekakelt, und ich habe dann im September 69 die Firma Free Music Production gegründet, als Firma von Musikern, die emanzipatorische Forderungen ihrer Zeit umsetzen wollten: Selbstbestimmung und Selbstauswertung der Projekte, Verlags- und Lizenzrechte, keine Abhängigkeit von einem Produzenten. "
Die anfängliche Begeisterung litt im prosaischen Alltag. Das Kollektiv der Künstler schloss 1972 einen Gesellschaftervertrag, Gebers wurde Geschäftsführer, Entscheidungen über Engagements und Schallplattenproduktionen fielen per Mehrheitsbeschluss. Das Kollektiv barg von Anfang an Konflikte. Die Entscheidungsträger waren selbst Musiker, also auch Konkurrenten. Anfang 1976 übernahm Gebers die Geschicke der Firma als Geschäftsführer, das Kollektiv fungierte als Beratungsgremium.
Seinen Beruf als Sozialarbeiter hat Gebers beibehalten, um Unabhängigkeit zu bewahren und weil die fmp immer hart am Rande des Konkurses arbeitete; Subventionen vom Berliner Senat gab es ab 1989. Den Musikverlag FMP Publishing verkaufte er 1992; inzwischen lebt er in Borken, Westfalen, und arbeitet an einer Dokumentation der FMP-Jahre. Auch das Label ist inzwischen in anderen Händen. 140 CD- und gut 220 LP-Produktionen umfasst der archivierte Bestand. Dazu kommt ein Bandarchiv, aus dem Gebers zuweilen besonders gelungene Aufnahmen veröffentlicht.
Dieses Konvolut ist mehr als ein Tombeau des Kreischens und Röhrens. Die freie Improvisation hat nicht zuletzt durch die vier FMP-Jahrzehnte ihren künstlerischen Rang bewiesen, den einer, wie Peter Niklas Wilson sie nannte, "Kunst des hear and now".