Symphonische Riesenschlangen" seien das, rief Johannes Brahms höhnisch aus, das Werk eines Provinzmeisters, der Monumentalität als Naturereignis feiere. Anton Bruckner, der Oberösterreicher, der in Wien nie heimisch wurde und wie ein Sonderling über das Parkett des europäischen Kunstadels schlitterte, hat viel Spott ertragen müssen.
Seine eigene Unsicherheit manifestierte sich in jahrelangen Bearbeitungen der eigenen Werke, ringend mit der ultimativen Gestalt. Die 9. und letzte seiner Sinfonien, "dem lieben Gott" gewidmet, kennt das Problem von Urfassung, erster und zweiter Revision freilich nicht. Bruckner starb 1896 über dem Finalsatz, der nur lückenhaft überliefert ist.
Seinem Wunsch, das eigene, sehr viel früher entstandene Te Deum als Finale aufzuführen, wird heute völlig zu Recht nicht entsprochen. Ohnehin sind die drei vorhandenen Sätze genug, ein einstündiger sinfonischer Monolith, außerordentlich, berauschend in jeder Hinsicht.
Sir Simon Rattle bleibt bei den glänzenden Fassaden indes nicht stehen. Bruckner ist ihm mehr als nur ein Virtuose sinfonisch-sakraler Pracht, so sehr die 9. Sinfonie oft auch auf Größe aus ist oder, wie im Scherzo, auf Überwältigung.
Rattle hört förmlich in die Ritzen der massiven Blöcke hinein. Zum Ende des langen ersten Satzes etwa - Feierlich, Misterioso - lässt er die Musik für ein paar Takte grandios ausfransen. Die Vielstimmigkeit, die er mit seinen Berliner Philharmonikern dabei hörbar macht, bevor sich die Klänge noch einmal zur Brucknerschen Apotheose sammeln, der Blick über das gesicherte spätromantische Terrain hinaus, wirkt wie ein kleiner Widerstand, ein Augenblick des Zweifels an der erhabenen Größe.
Und im Finale schärft er, quasi als subkutanes Gegengewicht zum Pathos des Chorals, immer wieder die harmonischen Verrückungen, mit denen Bruckner hier experimentiert. Provinzielle Enge jedenfalls klingt anders.
Zuvor aber setzte Rattle selbst einen Widerstand: Messiaens 1964 entstandenes Auftragswerk zum Gedenken an die Toten des Ersten und Zweiten Weltkriegs, "Et exspecto resurrectionem mortuorum" - streicherlos, brachial mithin, riesengroß und von einer Klangmacht getragen, die wie Bruckners Sinfonik ohne eine ausdrückliche Fundierung im katholischen Glauben nicht denkbar ist.
Und auch hier sind die Berliner ungeheuer präsent. Die Hartnäckigkeit gerade des letzten Abschnittes, von stetig wiederholten Gong-Schlägen strukturiert, das immer dichter werdende Geflecht musikalischer Klänge, die Konsequenz, die die Allmacht des Chorals zugleich bricht und auch überhöht - besser kann man sich das nicht vorstellen.