Was beim ehrgeizigen "Ring" in Valencia wenigstens in der "Götterdämmerung" als szenisch-musikalisches Ganzes noch einigermaßen aufgegangen war, hat jetzt bei den "Trojanern" in Valencia nur musikalisch funktioniert.
Dank Lorin Maazel und Zubin Mehta ist das Orquestra de la Comunitat Valenciana nicht nur zu einem international konkurrenzfähigen Wagner-Orchester gewachsen, es vermag sich ebenso überzeugend in den Gefilden des vorletzten französischen Opernjahrhunderts zu bewegen.
Um das Berlioz-Jahr herum hat jetzt die Chefin des Palau de les Arts in Valencia, Helga Schmidt, den ersten szenischen Landgang der "Trojaner" in Spanien ermöglicht, landestypisch als Koproduktionsprojekt mit Warschau und Sankt Petersburg.
Dabei bleibt das Werk, das der Komponist nie selbst komplett auf der Bühne gesehen hat, in jeder Hinsicht eine Herausforderung. Die haben vor allem der russische Dirigent Valery Gergejew und das heimische Orchester glänzend bewältigt. Es ist eine Lust, dem Historiengemälde mit dem beständigen Wechsel vom ausführlichen Parlando in die großen Aufmärsche und Tableaus zuzuhören und zu erleben, wie er mit souveräner Gestik das ausufernde Stück, auch mit den kleinen individuellen Porträts zu einem faszinierenden Ganzen fügt.
In die mörderischen Hauptpartien gingen mit Elisabete Matos als Kassandra, Daniela Barcellona als Dido und Stephen Gould als Aeneas bestens konditionierte stimmliche Schwergewichte mit auf die große Reise vom untergehenden Troja ins blühende Karthago der Königin Dido und von dort zum Dauer-Zukunfts-Ziel Italien. Weil auch das übrige Ensemble mithielt und der heimische Chor Spitzenklasse bot, sind diese "Trojaner" musikalisch eine überzeugende Glanzleistung.
Das Problem liegt im Szenischen. Selbst die starke Seite des von der einst kreativen Theatergruppe La Fura dels Baus kommenden Teams, mit einer Melange aus Akrobatik und Video-Phantasiewelten, die Bühne mit Opulenz zu füllen, hatte diesmal keinerlei triftige Folgen. Auf der Bühne gibt es viel zu sehen, nur wird dabei fast nichts gezeigt. Wolken und gigantische Wellen wabern, Ungeheuer schlängeln sich in Endlosschleifen, Computerviren gaukeln Blicke ins All vor. Carlus Padrissa hat vor den Deutungs-Möglichkeiten dieses Schlüsselwerkes des 19. Jahrhunderts die Waffen gestreckt. Nichts von Katastrophe und Untergang, Verzweiflung oder Fremdheit in der Fremde vermittelt sich wirklich.
Auch die handwerkliche Bewältigung ist auf der Strecke geblieben. Im Grunde ist ein mit allerlei Video- und technischem Firlefanz getarntes Kulissen- und Rampentheater dabei herausgekommen, ein unbedarftes Vorwärts-in-die-Vergangenheit.
Da wird das Trojanische Pferd zur kubistischen Henne aufgebläht, ist aber doch nur hohl und leer. Den Bericht über den Tod Laokoons illustriert eine peinliche Pantomime, Karthago ist in eine Monsterturbine verfrachtet, ohne Platz fürs Volk, das in seinen abstrusen Fantasy-Kostümen ohnehin nur mühsam herum staksen kann, wenn nicht gerade Akrobatik unter die Videos gemischt wird. Die schwebende Königin trägt Butterfly-Frisur, beim Liebesduett erstarren Dido und Aeneas zum schwebenden Medaillon, die göttliche Mahnung zum Aufbruch nach Italien kommt wie aus einer Raumstation. Und der Scheiterhaufen, von dem aus die verlassene Dido gleich die ganze Zukunft Europas verflucht, ist natürlich eine Installation aus lauter Laptop-Bildschirmen. Und keine Trojaner stören diese flammende Bebilderung.