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20. Dezember 2012

Big Boi „Vicious Lies and Dangerous Rumors“: Wenn die wilden Zeiten vergangen sind

 Von Markus Schneider
Big Boi versucht es noch einmal im Alleingang. Foto: dapd

Big Boi, eine Hälfte des legendären Rap-Duos Outkast, versucht es noch einmal im Alleingang. Mit „Vicious Lies and Dangerous Rumors“ wollte Big Boi vielleicht beweisen, dass er auch ohne den schrillen André 3000 die Popaffinität von Outkast durchsetzen kann.

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Im Duo Outkast stand Big Boi alias Antwan Patton stets etwas im Schatten seines Partners „André 3000“ Benjamin. Gegenüber dessen schrillem, princeartigen Auftritt wirkte er bodenständiger als B-Boy des Duos. Als solcher wiederum erfreute er sich und alle anderen auf seinem letzten Solo-Album „Sir Lucious Leftfoot“ mit südstaatlich fetten Funksettings und sachtem Pop-Anflug.

Der hübsch betitelte Nachfolger „Vicious Lies and Dangerous Rumors“ erweist sich nun als gemischtes Vergnügen. Zu den fiesen Lügen und gefährlichen Gerüchten gehören, so Big Boi in Interviews, die verbreiteten Zweifel am Fortbestehen von Outkast, die das Album natürlich weder ausgeräumt, noch vom Unterton wehmütiger Verlustangst befreien kann. Immerhin sind Outkast eine der originellsten und einflussreichsten Formationen der HipHop-Geschichte. Die beiden Rapper aus Atlanta, Georgia, haben ihre funk- und soulschwere Musik schon früh mit quirliger und furchtloser Energie über die Genregrenzen hinaus geöffnet, sie mit psychedelischen Verspieltheiten und coolen Elektro-Sounds angereichert und in Hits wie „Ms Jackson“ oder „Hey-Ya“ in die Popcharts geführt. Aber wo sich André 3000 seit 2003 weitgehend aus dem Musikgeschäft zurückgezogen hat, deutet derzeit nichts darauf hin, dass sich die beiden noch einmal gemeinsam aufraffen könnten.

Wie bedauerlich das ist, zeigt „Vicious Lies“ nun gleich doppelt. Vielleicht wollte Big Boi beweisen, dass er auch im Alleingang die Popaffinität des Duos irgendwie umsetzen könnte. Dazu hat er sich neben einer stattlichen Reihe von rappenden Gästen wie A$ap Rocky und Ludacris auch fachfremde Musiker aufs Album geholt. Aber die meisten Tracks mit den Indiepoppern Phantogram, Little Dragon oder Wavves zerfallen seltsam plätschernd, trödeln als blass verhangener Dreampop-Synthie-Rap vor sich hin oder fiepen in fröhlicher Belanglosigkeit daher.

Ein Ausflug ins 80er-Madonnatum mit Kelly Rowland klingt immerhin sympathisch verwirrt, und die Ballade „Tremendous Damage“ holt zwar die Melodik aus betrüblich abgegrasten Charts-Ecken, ist aber hübsch luftig mit Klavier, verrauschten Rasseldrums und weicher Bassdrum arrangiert.

Angenehmste Stimme im Rapbusiness

Andererseits gehört Big Bois Stimme natürlich zu den angenehmsten im Rap, wie sein lässig rappelnder, näselnd buckliger Flow auch diesmal und noch in den scheiternden Tracks unterstreicht. Auch knüpft er in den guten und besten der übrigens weitgehend samplefreien 14 Nummern so überzeugend an die raumgreifende Inspiration Outkasts an, dass man ganz melancholisch wird. „She Hates Me“ mit Kid Cudi glänzt mit einem raffinierten, undurchsichtig vielschichtigen Arrangement und zarter Wehmut; das massig-massive „In the A“ protzt mit einer eigenartig modernistischen, dicken Digital-Fanfare; und das „Hey-Ya“-artige „Apple of My Eye“ hoppelt herzwärmend gut gelaunt umher.

Dazu findet man einige cool erwachsene Nummern, Berührendes zum Tod des Vaters und Reflektionen zum Moment der Leere, wenn die wilden Zeiten der Jugend vergangen sind. Auch ein paar lustig-peinliche Schmuddelverse gibt es. Zu einer eigenartig geglückten, verkanteten Synthiebassline mit Gniedelgitarre und unterstützt von Little Dragons Gesang und Killer Mikes Rapbesuch erfährt man schließlich in „Thom Pettie“ noch interessiert, dass eine ziellos durchgemachte Nacht als „Tom Pettying“ bezeichnet wird.

Genau berechnet ergibt sich daraus keineswegs ein schlechtes Album – aber es wirkt doch alles recht ziellos und zufällig. Vor allem vor dem Hintergrund der strahlend farbenfrohen Vergangenheit fehlt es sowohl an offensiver Gemeinheit wie Gefahr.

Big Boi: Vicious Lies and Dangerous Rumors (Def Jam/Universal)

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