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"Anna Nicole": Bitte mehr Sex, wir sind Briten!

Das verloschene Hollywood-Sternchen Anna Nicole Smith wird postum Star der Oper London. Regisseur Richard Jones verpasst der Inszenierung eine bunte, knallige Revueästhetik.

Hält den Kopf oben: Eva-Maria Westbroek als Anna. Foto: dpa

Vor elf Jahren wurde Mark-Anthony Turnages zwischen Fußball und Krieg angesiedelte Oper „The Silver Tassie“ an der English National Opera uraufgeführt. Jetzt, mit Anfang 50, hat er es mit seiner dritten Oper, der über das verloschene Hollywood-Sternchen Anna Nicole Smith, zu Uraufführungsehren im ehrwürdigen Royal Opera House Covent Garden gebracht. Dort konnte er am Premieren-Abend ein Gejohle verbuchen, das sonst bei Musicals üblich ist. Ausverkauft ist die nach allen PR-Regeln vorbereitete Aufführungsserie obendrein.

Man hat da wohl auch auf den Skandalfaktor spekuliert, mit dem sich das reale Vorbild der Titelheldin Anna Nicole bis zu ihrem Medikamentenüberdosis-Tod mit 39 vor vier Jahren immer einmal wieder in Erinnerung brachte. Als die sich aufmachte, eine zweite Marilyn Monroe zu werden, waren die Silikonbrüste ihr wichtigstes Kapital und der sprichwörtliche texanische Uralt-Milliardär, der sie sogar heiratete, ihr Hauptgewinn. Zumindest bis zu dessen Tod 13 Monate später. Der Abstieg war begleitet vom Streit ums Erbe, Verfettung, Medikamentensucht, dem Tod des Sohnes und diversen Skandälchen, die nur welche waren, weil die Medien mitspielten.

Richard Thomas hat dieses Lebens-Auf-und-Ab zu einem flippig frivolen Text aufgemotzt, der auf den besonderen englischen Humor vertraut. Das Publikum war jedenfalls zwei Netto-Stunden über amüsiert, gelacht wurde bei jeder verbalen Grapscherei, nach dem Motto: „Bitte mehr Sex, wir sind Briten!“ Die Lebenstragik einer tablettensüchtigen, alleinerziehenden Mutter wird allenfalls angedeutet. In einem kurzen Zwischenspiel, das ihre Gewichtszunahme mit zwei Vergleichsfotos auf dem Vorhang protokolliert, entwickelt Turnage so etwas wie doppelbödigen symphonischen Ehrgeiz. Ansonsten bedient er sich vor allem in den Wühltheken flotter Gebrauchsillustrationen, um sich musicalmäßig durch den Abend zu hangeln. Umspült werden die 17 auf zwei Akte verteilten Szenen meist von einem rhythmisch aufgeschäumten musikalischen Wohlfühlbad, auf das sich Antonio Pappano und sein Orchester mit offenkundigem Spaß einlassen.

Scheiternde Frauen als gefundenes Fressen

Immerhin ist Eva-Maria Westbroek souverän und flexibel genug, auch in der Titelrolle den Kopf oben zu behalten und gute Sängerinnenfigur zu machen. Alan Oke bewahrt den auf die 90 zugehenden J. Howard Marshall II, bei allem Greisenhecheln, gerade noch vor der völligen Demontage. Gerald Finley als zwielichtiger Freund und Anwalt, Susan Bickley als Mutter, Chor und übriges Ensemble ziehen mit.

Regisseur Richard Jones und sein Team haben dem Ganzen eine bunte, knallige Revueästhetik verpasst. Westbroeks Anna ist in Warhol-Pose als blondes PinUp in Pink mit Schmollmund omnipräsent: auf Papiertüten, über sämtlichen im Royal Opera House herumstehenden Büsten, an allen Rangbrüstungen und sogar im königlichen Wappen über dem Bühnen-Portal. Gröbere Anzüglichkeiten sind nett und (selbst-)ironisch verpackt, stets tauglich für die permanent durch die Szene geisternden Kameras. Wenn Anna etwa vor ihrem greisen Goldschatz auf die Knie geht, dann wird sie brav vom gesamten, sonst als kollektiver und Kommentator beschäftigten Chor verdeckt.

Für die Oper sind scheiternde Frauen schon immer ein gefundenes Fressen gewesen. Das kann zu großer Kunst werden, wenn große Gefühle oder des Schicksals Verhängnis walten und eine originäre Musik das alles zutage fördert. Wenn aber nur der Schein herrscht und das Scheitern so vorhersehbar ist, dann werden die, die ohnehin nichts zu lachen haben, nur als lächerlich bloßgestellt. Das reicht im Grunde nicht mal für ein Musical. Wenn man das aber als Oper verkauft, dann ist das ein ästhetischer Triumph der Regenbogenpresse. Gelacht wird trotzdem. Oder vielleicht gerade deswegen.

Royal Opera House, London: 26. Februar, 1., 4. März.

Autor:  Joachim Lange
Datum:  24 | 2 | 2011
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