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03. August 2010

Blixa Bargeld: Ich Eins, du Zwei

 Von Jens Balzer
Dichter, Denker und merkwürdige Stimme des deutschen Pop: Blixa Bargeld.  Foto: Thomas Rabsch

Blixa Bargeld hat seine beste Platte seit Jahrzehnten aufgenommen, in der sich das Romantische und das Technokratische miteinander versöhnen.

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Eins ist die einsamste Nummer. Eins ist nur eins. Eins kann man nicht teilen. Auch die Zwei kann eine sehr einsame Nummer sein. Zwei ist die einsamste Nummer, abgesehen von der Eins. Seit du gingst, ist mein Leben entzwei.

„One“ heißt dieser klassische Trennungsschmerzsong im Gewand einer mathematischen Reflexion; der Exzentriker und Komponist Harry Nilsson hat ihn Ende der sechziger Jahre geschrieben. Sentiment und Abstraktheit verschlingen sich hier in selten berückender Weise: Der Verlassene flüchtet sich aus der Beschreibung seines Gefühls in die Zahlenwelt; doch gerade in der Flucht vor dem Schmerz kehrt die Kränkung, die Einsamkeit umso schwerer zurück.

Nilsson selbst hat das Lied auf seiner Platte „Aerial Ballett“ im gedämpften, gleichwohl barock ausgeschmückten Orchestersound der Epoche interpretiert, um in den letzten Takten in ein befremdliches Winseln zu fallen. In der Cover-Version von Aimee Mann wurde „One“ dann zuletzt zu einer gewöhnlichen Country-Pop-Ballade gestutzt (zu hören im Soundtrack zu Paul Thomas Andersons „Magnolia“-Film).

Deutscher Maschinen-Akzent

Keine bisherige Variante von „One“, nicht mal das Original, reicht aber an die klangliche und musikalische Deutung heran, die das Duo anbb jetzt für sein Plattendebüt „Ret Marut Handshake“ aufgenommen hat. Über einem einsam vor sich hin piependen Takt, nur gelegentlich von einem leisen schrillen Störton umrauscht, wird der Text halb singend, halb sprechend, mit einem bis zur Erschlaffung verzweifelten deutschen Akzent vorgetragen: Als würde hier jemand versuchen, im Klang der mit ihm musizierenden Maschine zu verschwinden. Doch der Klang ist zu kalt und zu karg, am Ende wird das Subjekt – wie in Harry Nilssons traumatischem Text – nur auf sich selbst zurückgeworfen.

Anbb sind Alva Noto und Blixa Bargeld; Alva Noto ist das Ingenieurspseudonym des Chemnitzer Künstlers und Musikers Carsten Nicolai; Blixa Bargeld ist seit dreißig Jahren als Sänger der Einstürzenden Neubauten, als Dichter, Denker und Selbstbeschauer berühmt. Eine Konstellation, in der sich gewissermaßen die beiden streitenden Seiten des deutschen Pop-Geists miteinander versöhnen, dann wieder streiten und dann wieder versöhnen: das Romantische und das Technokratische, der schwärmerisch übertriebene Subjektivismus von Blixa Bargeld und Carsten Nicolais kalkuliert technoide Musik.

Für Nicolai ist es das erste Mal überhaupt, dass er mit einem Sänger zusammenarbeitet; zu sehr war er bisher darauf bedacht, aus seinen Sounds alles Menschliche, Menschengemachte herauszufiltern. Die Klanggebilde, die er auf den CDs seines Raster-Noton-Labels veröffentlicht oder für seine Sound-Art-Installationen nutzt, sind nicht komponiert, sondern errechnet; sie setzen sich nicht aus Harmonien und Noten zusammen, sondern aus Rauschen und Sinustönen – eine sinnbefreite Musik, die ironischerweise gerade darin wieder zum kontemplativen Hören einlädt; ein Widerspruch, den Nicolai in den letzten Jahren zusehends schlechter zu lösen verstand.

Für Bargeld wiederum ist es das erste Mal seit langer Zeit, dass er sich mit maschinengemachter Musik befasst. Am gerade in Deutschland so reichen Geschehen des elektronischen Pop hat er nur geringen Anteil genommen. Dabei gehörte er einst zu dessen Pionieren: Auf „Halber Mensch“, der dritten Neubauten-LP aus dem Jahr 1985, und besonders der dazugehörigen Single „Yü-Gung“ wurde früher als anderswo systematisch mit gesampelten Geräuschen gearbeitet. „Yü-Gung“ geriet mit seinen metallisch klappernden Beats zu einer wesentlichen Inspiration für die Electric Body Music, die später wiederum in den Techno mündete; doch die Neubauten selbst fanden die Sample-Musik „zu klar und zu sauber“, wie Bargeld sagte, und zogen sich wieder auf das analog erzeugte Metallscheppern zurück.

Widerstand in der Musik

So beeindruckend sie in ihren Konzerten bis heute sind, so deutlich war auf den letzten Platten ihre künstlerische Stagnation; vor allem fanden Bargelds romantische Posen immer weniger den nötigen Widerstand in der Musik.

Wie anders mit Nicolai! Gegen dessen gleichmütige Kälte strahlt Bargelds Gesang umso heller, in „One“ ebenso wie in dem herzzerreißenden „Bernsteinzimmer“, in dem er sich gegen einen Vielklang sirrender Störtöne durchsetzen muss. Selbst Bargelds charakteristisch-hohes Kehlkopfgequietsche, zwischenzeitig längst zur Marotte verkommen, ist plötzlich wieder ein Ereignis des Klangs: als verwandle der Sänger sich selbst in einen Maschinenton. Und man höre, wie beschwingt er zum Knackern eines defekten Filters den nihilistischen Südstaatenklassiker „I Wish I Was A Mole In The Ground“ intoniert: als ob in einer Techno-After-Hour nun JohnnyCash von den Toten ersteht.

Fünf Songs nur finden sich auf dieser kurzen Platte, doch wiegen sie schwerer als ein Jahrgang des restlichen Pop. Am Ende von „One“ stürzt das gesamte Ensemble aus Sound und Gesang dann in eine schwarze Bassmulde hinein, nur Blixa Bargelds Sinus-Kreischen schwebt schillernd darüber, ein fernes Wetterleuchten, eine Entladung, dann Stille.

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