kalaydo.de Anzeigen

Musik

01. August 2012

Blur Olympia 2012: "Zum Laufen bin ich zu faul"

Graham Coxon macht jetzt lieber Krach auf der Bühne – auch zum Abschluss der Olympischen Spiele im Londoner Hyde Park.  Foto: Essy Syad

Am 12. August spielt die britische Rockband Blur zum Abschluss von „Olympia 2012“ im Londoner Hyde Park neben New Order und anderen Musikgrößen. Blur-Gitarrist Graham Coxon spricht im Interview über seine Sport-Erfahrungen, Olympia und den Nationalstolz der Briten.

Drucken per Mail

In eineinhalb Wochen spielen Blur das Abschlusskonzert von „Olympia 2012“ im Londoner Hyde Park. 282 Songs, so wie auf ihrem gerade erschienenen Deluxe-Box-Set „Blur 21“ (EMI), wird die wiedervereinigte Britpoplegende dort wohl nicht schaffen. Dafür ist Volksfeststimmung garantiert – auch ohne ein neues Studioalbum, das weiterhin auf sich warten lässt.

Blur-Gitarrist Graham Coxon (43), der der Band Hits wie „Tender“ und „Coffee & TV“ beisteuerte, erzählt vorab im Interview, warum er froh ist, kein Athlet geworden zu sein.

Zur Person

Graham Coxon kam 1969 im niedersächsischen Rinteln in einem Militärkrankenhaus zur Welt; sein Vater war Musiker bei der britischen Armee. Im Alter von 12 Jahren erlernte Graham als Autodidakt Saxophon und Gitarre und Schlagzeug. 1989 gründete er gemeinsam mit Damon Albarn die Band Blur.

Schon während seiner Zeit bei Blur verfolgte Coxon seine Soloprojekte. Demnächst wird er auch in Deutschland einige Konzerte geben:
14. 9. Berlin, Postbahnhof,
16. 9. Köln, Luxor,
20. 9. Hamburg, Reeperbahn Festival.

Mr. Graham, freuen Sie sich über Olympia in Ihrer Stadt?

Oh nein, nicht wirklich. Ich interessiere mich nicht für Sport. Aber ich bin ziemlich begeistert von der Idee, am Schluss, wenn alles vorbei ist, mit Blur ein Konzert zu geben. So nach dem Motto: „Nun, da es vollbracht ist, lasst uns endlich unsere Leben weiterleben.“

Was ist denn so schlimm an den Spielen?

Die Zeit davor! Das war schrecklich ermüdend. Olympia war bereits ständig in den Nachrichten – mit den ganzen Problemen rund um die Organisation. Alles war deshalb in heller Aufruhr. Weil wir Briten es lieben, über etwas zu jammern und uns vorher gern das Maul darüber zerreißen, welch Blamage es wäre, diesen Event nicht richtig organisiert zu haben. Ich werde mir wirklich nur die 100-Meter-Läufe ansehen. Das ist das Einzige, was mich interessiert.

Sind Sie selbst ein guter Läufer?

Ich war es mal. In der Schule war ich schnell und ziemlich sportlich, was Kurzstreckenläufe, Diskuswurf, Weit- und Hochsprung anging. Ich spielte Fußball und Cricket. Aber dann traten Saxofon, Gitarre und Schlagzeug in mein Leben. Welch Glück für mich! Denn als Athlet hätte ich es wohl nicht so weit gebracht, dazu bin ich einfach zu faul.

Blur haben die zwei neuen Songs „Under The Westway“ und „The Puritan“ zum Abschlusskonzert im Hyde Park veröffentlicht. Die haben dann vermutlich auch gar nichts mit Olympia zu tun?

Die Lieder beschreiben eher das Gefühl, in was für einem Land wir leben. Es ist schwierig, britisch zu sein, und ich bin mir sicher, es ist ebenso schwierig, deutsch zu sein. Es ist nicht leicht, stolz auf das Land zu sein, in dem du lebst, selbst wenn du es ein klein wenig bist. Du fragst dich: Dürfen wir denn überhaupt stolz sein? Vielleicht ist das aber auch nur sehr britisch, sich darüber Sorgen zu machen.

Das ist in Deutschland nicht anders. Nationalstolz wird gern mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht.

Die Briten waren doch genauso schlimm! Wir haben alle Leichen im Keller. Wir sind zwar fein raus, weil wir im Prinzip für vorangegangene Generationen nichts können. Aber es hält uns trotzdem davon zurück, uns selbst zu feiern. In England feiern die wenigsten den St. George’s Day, so wie beispielsweise die Iren ihren St. Patrick’s Day feiern. Mir ist das egal, denn ich bin mir sowieso nicht sicher, ob der Schutzheilige von England Freund oder Feind war.

Und als die Queen ihr Thronjubiläum feierte, haben Sie auch nicht den Union Jack rausgeholt?

Nein. Ich hab’s im Fernsehen verfolgt. Ich habe mir Will.I.Am angesehen, wie er der Queen alles Gute gewünscht hat. Da musste ich umschalten. Aber davon mal abgesehen, mag ich Flaggen. Die sind irgendwie cool – gerade, wenn sie uns bei Konzerten vom Publikum entgegengehalten werden. Die italienische Flagge sieht großartig aus. Wenn ich die sehe, muss ich sofort an Autorennen denken. Aber die englische Flagge, die weiße mit dem roten Kreuz, ist mittlerweile zu einem Synonym für Hooligans geworden. Das ist eine Schande.

Kommen wir zu Erfreulicherem: Blur haben gerade eine Karriere umspannende Box zum 21-jährigen Bestehen der Band veröffentlicht. Für das Bonusmaterial müssen Sie ausgiebig die Archive geplündert haben.

Da war in der Tat viel Material. Ich bin in den Anfangstagen von Blur immer mit meinem Kassettenrekorder bei den Bandproben aufgetaucht und habe vieles mitgeschnitten. Damals dachte ich, vielleicht könnte ich mit den Aufnahmen Mädchen beeindrucken.

Sind Sie beim Abhören auf lustige Fundstücke gestoßen?

Ich habe mehrmals laut lachen müssen. Auf dem Band waren auch einige unserer Konversationen. Zum Beispiel von Damon, wie er den Boss rauskehrt. Er befahl unserem Bassisten Alex aufzuhören zu rauchen, während er sein Instrument spielt und solche Sachen. Alex führte sich schon auf wie ein Popstar, bevor wir überhaupt einen Plattenvertrag hatten. Damon war immer bemüht, ihn runterzuholen, wenn er sich so benahm. Sich das mit dem Abstand von 21 Jahren anzuhören, war eine spaßige Angelegenheit.

Und Anflüge von Nostalgie überkamen Sie dabei nicht?

Ach, nein. Es war natürlich großartig, jung zu sein und alles noch vor sich zu haben. Aber in der Zeit als es so war, fühlten wir unsere Jugend nicht und wussten nicht, was noch auf uns warten würde. Wir waren auf der Suche nach unserer musikalischen Identität. Und wir mussten ja auch erst mal unsere Instrumente erlernen. Ich war wirklich kein guter Gitarrist damals.

Später hat ausgerechnet Ihr Rivale Noel Gallagher Sie als talentiertesten Gitarristen Ihrer Generation bezeichnet!

Ja, zu mir war er immer nett. Er hat mich jüngst sogar als Support auf seine Tour eingeladen.

Warum laden Sie ihn nicht zum Olympia-Abschlusskonzert von Blur ein?

Das würde die Sache sicherlich rund machen. Aber ich würde eine Weile brauchen, um ihm unsere Songs auf der Gitarre beizubringen. Oasis-Songs zu erlernen, ist einfacher.

Da Sie vorhin die dominante Seite von Damon Albarn erwähnten: Ist er eigentlich der Boss von Blur?

Der Boss? Ich denke, er ist eher wie ein Motor. Er besitzt viel Enthusiasmus. Er kann gut Leute motivieren. Und er schleppt die Songs an. Wenn Damon der Motor ist, bin ich der Kolben. Dave ist die Zündkerze. Alex ist der Ölmessstab. Ein bisschen schmierig eben.

Was verbindet Sie mit Albarn?

Wir beide drücken uns gerne in verschiedenen Kunstformen aus – Damon beispielsweise mit seinen Opern, ich mit meiner Malerei. Unser Gefühl für Musik ist ähnlich. Da wird es immer Parallelen zwischen uns geben.

Ihr Blur-Kollege Alex James sagte kürzlich in einem Interview, dass es zwischen den Bandmitgliedern keine Faustkämpfe mehr gebe und er das vermissen würde. Wie ist das bei Ihnen?

Ich bin mir sicher, wir hatten in jungen Jahren alle mal ein blaues Auge. Heutzutage lieben wir es entspannt, was meiner Natur sehr entgegenkommt. Deshalb überlegen wir uns auch genau, ob wir die Verpflichtung eines neuen Blur-Albums eingehen sollen. Wir werden abwarten, wie wir nach der Hyde-Park-Show fühlen.

Im September gehen Sie auch endlich wieder als Solist auf Deutschlandtour. Was können Sie da machen, was Sie mit Blur nicht tun können?

Ich kann ein Solo spielen, das falsch klingt. Ich kann mit meinen sechs Musikern unendlich viel Krach machen. Oder auch einfach mal Pause. Meine Solo-Shows sind eher körperlich erschöpfend. Blur-Shows sind emotional sehr anstrengend. Außerdem können Blur-Fans unglaublich grantig werden, wenn man mal etwas ein wenig anders macht.

Das Gespräch führte Katja Schwemmers.

Jetzt kommentieren

Sommerzeit
Alles klar an der astronomischen Uhr im Frankfurter Goethehaus? Der Uhrmachermeister Karel M. Kolar mit kritischem Blick.

Jedes Jahr das gleiche Quiz: Wird's mit der Sommerzeit heller oder dunkler? Früher oder später aufstehen? Haben Sie den Dreh raus? Der Test!

Videonachrichten Musik
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Videonachrichten Kultur