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Bob Dylan: Das Nichts unter der Oberfläche

Das neue Album von Bob Dylan "Together Through Life" klingt wie die frühen Platten von Muddy Waters, Johnny Cash oder Elvis Presley. Seine Stimme - so kantig und klar wie kaputtes Glas.

In seinem neuen Album Together through Life unternimmt Bob Dylan eine Zeitreise in die Vergangenheit.
In seinem neuen Album "Together through Life" unternimmt Bob Dylan eine Zeitreise in die Vergangenheit.
Foto: rtr

Diesmal ist es einfach, zu sagen, wo Bob Dylan gerade steht. Vielleicht klingt es banal, aber er steht ganz dicht hinter dem Mikrofon. Wie in einer Monoaufnahme aus der Frühzeit des Rock'n'Roll schleudert er seine Stimme mit voller Wucht in den Raum, so kantig und klar wie kaputtes Glas. Ein Quäntchen Hall ist dabei, aber nur so viel, dass wir uns eine unverputzte Studiowand dazu vorstellen können und ein rotes Leuchtschild: Aufnahme.

Man nennt Dylan oft einen Schauspieler, zuallererst ist er immer ein Filmregisseur, der uns im Bruchteil einer Sekunde verrät, wo wir gerade sind. Die Zeitreise führt jetzt nicht mehr wie im grandiosen Vorgänger "Modern Times" mit dem Taxi in die USA der Depressionszeit der 30er Jahre (sie kam schneller zurück als wird dachten), sondern in die Nachkriegszeit, in die kleinen Studios der Labels Chess und Sun.

Together Through Life

Die Titel "Beyond Here Lies Nothing" und "Dreamin' of You" hören Sie auf myspace.

"Together Through Life" klingt wie die frühen Platten von Muddy Waters, Johnny Cash oder Elvis Presley. Damals waren Darbietung und Aufnahmeprozess noch identisch - nur etwas elektrisch geladene Luft passte zwischen die Musiker und das Tonband, und schließlich die Matritze auf dem Teller, in die sich eine Stahlnadel grub.

Perfektes Ambiente für Nostalgie

Alle Regler stehen also auf "klassisch" bei Bob Dylans neuester Produktion, doch womit füllt man so viel Atmosphäre? Am besten wohl mit einem klassischen Album, aber das wird "Together Through Life" doch wohl nicht werden. Dafür hat Dylan ein zu perfektes Ambiente für Nostalgie geschaffen und Musiker eingeladen, die es sich darin nur zu gern bequem machen: Das Akkordeon von "Gypsy King" David Hildago und die Mandoline von Tom Pettys Weggefährten Tom Campbell umschmeicheln Dylans zornigen Ton als wollten sie ihn bändigen und lieb besänftigen. Sollte die vorab veröffentlichte Eröffnungsnummer "Beyond Here Lies Nothing" gar programmatisch gemeint sein? Einen doppelten Boden jedenfalls zeigt sich zunächst nicht.

Es ist ein messerscharfer und eingängiger Song mit der nötigen Portion Ironie. Aber wie manchen anderen auf dem Album fehlt ihm entweder der nötige Widerhaken oder die Art verwegener Schönheit, an der man sich nicht satt hören kann. Also das, was man niemals einfordern kann, aber von Dylan öfter bekommen hat als von jedem anderen Songwriter der Erde. "In jeder Straße ist ein Fenster", heißt es in "Beyond Here Lies Nothing", "Und jedes Fenster ist aus Glas". Es gebe kein Dahinter und kein Darunter, adressiert der Sänger die Liebe seines Lebens, und bittet sie schließlich, ihre Hand doch mal auf seinen Kopf zu legen: Und auch dort: "Beyond here lies nothing / Nothing done and nothing said."

Dann aber entdeckt man doch einen unaufgelösten Widerspruch zwischen den Songs und ihrer so reizvollen Verpackung. Alles Dekor verblasst angesichts der schonungslosen Direktheit der Worte. Dylans Texte verwenden diesmal eine einfachere, manchmal skizzenhafte Sprache, anders als die Arrangements wirken sie förmlich entkleidet, "untangled".

Die meisten Texte entstanden in Zusammenarbeit mit dem Grateful-Dead-Lyriker Robert Hunter. Unverstellt enthalten sie Parolen eines unzweifelhaft politischen Pessimismus: "State gone broke / The county's dry / Don't be looking at me with that evil eye", heißt es hochaktuell in "My Wife's Hometown".

Nüchterne Wahrheiten kleiden sich hinter scheinbar optimistischen Titeln, die dem Hörer eine seltsame Vertrautheit aus der Popgeschichte vorgaukeln. Aber Dylans "I Feel a Change Comin' On" ist eben nicht Sam Cookes optimistische Befreiungskampf-Hymne "A Change Is Gonna Come" und sein bitteres "If You Ever Go To Houston", könnte nicht weiter entfernt sein von Jimmy Webbs Country-Ballade "By The Time I Get To Phoenix".

Schlagwort "Change" wird zu einer Aktie ohne Gegenwert

"Change", das Schlagwort der Obama-Kampagne, ist zu einer Aktie ohne Gegenwert geworden, wenn Dylan es benutzt. "Manche sagen mir, ich trage das Blut meines Landes in der Stimme", singt er wahrheitsgemäß in "A Change Comin' On". Und jetzt versteht man auch, warum die optimistische Zieh-Harmonika herbei gerufen wurde, um diese düstere Stimmung zu mildern und sogar Dylans vertraute Mundharmonika ersetzt. Dylan verbindet mit dem Akkordeon seine frühesten kindlichen Begegnungen mit der Musik, ein lockendes Feuer, das noch aus der Tiefe der Vergangenheit eine finstere Gegenwart wärmt.

Wenn Dylan vom Träumen spricht (in "This Dream of You"), dann nicht im metaphorischen Sinn. Als ihn der Musikkritiker Bob Flanagan in einem kürzlich auf der Dylan-Webseite veröffentlichten Interview fragte, ob Politiker Träume hätten, antwortete er mit der gleichen Nüchternheit dieser jüngsten Texte: "Politiker haben politische Träume. Träume und Ambitionen." Hätten die Everly Brothers dagegen in ihrem Song "All I Have To Do Is Dream" das Träumen durch Hoffen ersetzt, wäre ihre Botschaft weit weniger stark gewesen.

So steckt in der vermeintlichen Einfachheit des wütenden Wohlklangs dieses Albums dann doch ein nachhaltiger Schrecken, aber er kommt auf den zweiten Blick. Es ist der Schrecken, der einen im Leben befallen kann, wenn das einmal Herausgerutschte dann auch genauso gemeint ist. "Ich fühle einen Wechsel kommen, aber der letzte Teil des Tages ist schon vorbei" heißt es in "A Change Comin' On", einem der missmutigsten Liebeslieder, die man sich vorstellen kann. Und mit handfesten Komplimenten wie diesem: "You are as whorish as ever / Baby you can start a fire."

Bob Dylan: "Together Through Life" (Sony Music).

Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  23 | 4 | 2009
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