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Bob Dylan: Der Wolf und die Kreide

Bob Dylans "Christmas In The Heart": Es muss Bob Dylan reichlich Schweiß und etliche Lachtränen gekostet haben, es den Konventionen einer lange versunkenen Musikindustrie so recht zu machen. Von Daniel Kothenschulte ( mit Video)

Das Cover des neuen Albums Christmas in the Heart von Bob Dylan.
Das Cover des neuen Albums "Christmas in the Heart" von Bob Dylan.
Foto: Columbia Records

Hier ist endlich mal wieder eine richtig obskure Weihnachtsplatte. Es muss Bob Dylan reichlich Schweiß und etliche Lachtränen gekostet haben, es den Konventionen einer lange versunkenen Musikindustrie derart recht zu machen.

Willkommen im Jahr 1952. Ein paar hartgesottene Studiomusiker schrammeln sich durch das denkbar nächstliegende Repertoire von nimmergrünen Weihnachtsliedern wie "Winter Wonderland" und "Little Drummer Boy". Ein artiger Mädchenchor, der es beim nationalen Wettbewerb "Wer wird die nächste Andrews Sister" auf einen beachtlichen 14. Platz gebracht hat, verbreitet glockige Geradlinigkeit. Bloß keine blue notes hier, schließlich ist Spießerweihnachten.

Das Album

Bob Dylan: Christmas In The Heart. Columbia Records, als LP mit beigelegter CD oder nur als CD.

www.bobdylan.com

Und sicher brutzelte auch noch die Sommersonne gnadenlos auf das Flachdach des Aufnahmestudios. Man weiß ja aus der Süßwarenbranche, wie früh mit der Produktion von Saisonartikeln begonnen wird.

Bob Dylan - Must be Santa

Bob Dylans neues Album "Christmas In The Heart" ist ein Geniestreich der kreativen Zurückhaltung: Denn so ist es wohl: weihnachtlich und originell, das wäre ein Widerspruch in sich. Nahezu alle Weihnachtsplatten der US-Entertainer klingen gleich. Und das sollten sie auch, schließlich wurden die Wühlkisten mit ihnen alle Jahre wieder vor die Läden gestellt. Ob nun Elvis in Deutschland war, die Beatles im Anflug oder Hendrix in Monterey, Weihnachtsplatten hielten sich fern von aller Zeitgenossenschaft. Einzige Ausnahme: Phil Spectors legendäres "Christmas Album".

Man kann darüber spekulieren, warum sich Dylan anschickt, mit der unwichtigsten Platte seiner Karriere die Charts zu erobern. Wie seinem Biographen Todd Haynes im Film "Dem Himmel so fern" gelingt es dem Songwriter auf Urlaub, den muffigen Glanz der Fünfziger gespenstisch echt zu reproduzieren. So erfindet er sich wieder einmal eine Vergangenheit, die er niemals hatte.

Denn natürlich sind gerade die schauerlichen Weihnachtsplatten von Perry Como und Pat Boone Teil eines kollektiven Gedächtnisses, das jeden prägte, der Musik liebt. Ob man es nun wollte oder nicht. Schon im verkannten Doppelalbum "Self-Portrait" hatte sich Dylan jener vermessenen Lässigkeit erdreistet, die diese Entertainer durchweg charakterisierte: Die Chuzpe, einfach alles in der eigenen Art singen zu dürfen oder auch nach eigenem Gusto verhunzen, schließlich ist man der Star.

Und das macht natürlich auch "Christmas In The Heart" zu einer weit unterhaltsameren Angelegenheit, als es der weihnachtliche Anlass nahe legt. Es ist einfach herrlich, den knarzenden Wolf, der hinreichend Kreide gefressen hat, im Achteltakt frohlocken zu hören: "Here comes Santa Claus, here comes Santa Claus". Gerade weil sich alles um ihn herum kein bisschen um Originalität bemüht. Denn das ist ja gerade der Stil.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  23 | 12 | 2009
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