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Byte.fm: Die Dissidenten des Dudelfunks

Was die etablierten Sender nicht mehr bieten, bringt das Internetradio Byte.fm: aufwändige Spezialsendungen - moderiert von Experten. Von Stephan Loichinger

Nimm mein Mixtape, Baby!
Nimm mein Mixtape, Baby!
Foto: byte.fm

Das Tolle am Radio ist, dass es im besten Fall wie eine Wundertüte funktioniert. Man bekommt etwas, was man nicht gesucht, womit man nicht gerechnet hat. Das erweitert den Horizont.

Das Ideal vom "Radio als Wundertüte" hat auch Ruben Jonas Schnell im Kopf, wenn er über Byte.fm spricht. Seit Januar sendet das Internetradio unter der Adresse www.byte.fm von Hamburg aus rund um die Uhr sein Programm. Ruben Jonas Schnell ist der Geschäftsführer, und wie die anderen rund 60 Moderatoren, Redakteure und Mitarbeiter verdient er kein Geld mit Byte.fm.

Dabei ist der 39-Jährige ein gestandener Radiomann und Musikjournalist. Er moderiert den "Nachtclub" auf NDR Info, sitzt in der Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik und war Redakteur bei der hoch gelobten, doch 2004 eingestellten Sendung "Schwarz-Weiß" im Hessischen Rundfunk.

"Idealismus und ein Stück weit Wahnsinn" trieben ihn zu seinem Einsatz bei Byte.fm, sagt Schnell. "Ich glaube, und das Feedback von Hörern bestätigt es, dass das Potenzial sehr groß ist." Schnell meint das Potenzial an Menschen, die "auch tagsüber hochwertige Musik hören wollen statt nur spät abends".

Kubanischer Ye-Ye um 17 Uhr

Tatsächlich kann ein Programm vom allerorts üblichen Formatradio kaum weiter entfernt sein als Byte.fm: Hier laufen Spezialsendungen über amphetaminbefeuerte Musik, kubanischen Ye-Ye oder Neuerscheinungen auf Independent-Labels auch vormittags um elf oder nachmittags um fünf, ununterbrochen von Werbung und Nachrichten, journalistisch kompetent moderiert.

Terrestrische Sender haben solche Angebote getilgt oder in die hörerarmen Stunden am späten Abend und nach Mitternacht verbannt. Was Byte.fm auszeichne, findet Klaus Walter, sei "das Überraschungsmoment".

Klaus Walter ist - neben Musikjournalisten wie Klaus Fiehe vom WDR, Jonathan Fischer und Christoph Twickel - einer derjenigen, die sich von Ruben Jonas Schnells Konzept für ein Internetradio überzeugen ließen und ohne Vergütung exklusive Sendungen dafür produzieren, als müssten sie sich erst einen Namen machen.

Dabei sendet Walter seit mehr als einem Vierteljahrhundert aus dem HR-Funkhaus mit "Der Ball ist rund" eine der fundiertesten Musiksendungen im deutschen Radio. Auf Byte.fm befasst er sich in "Was ist Musik" jede Woche drei Stunden lang mit einem Thema, etwa mit Martin Luther King anlässlich seines 40. Todestags oder mit dem Einfluss von Afrobeat auf junge US-Popbands.

Zehn bis zwölf unbezahlte Stunden wende er für die Produktion einer Folge "Was ist Musik" auf, berichtet Walter. Warum? "Der reine Umfang" dieser Sendung mit drei Stunden sei im herkömmlichen Radio gar nicht denkbar. Insofern bediene er damit "eine gewisse Eitelkeit".

Walter treibt freilich auch an, was seine Byte.fm-Kollegin Sandra Zettpunkt für sich als "fast missionarische Rolle als Musikvermittlerin" bezeichnet. Die Journalistin und Musikerin erkennt das als Kern des Internetradios aus Hamburg: "Da produzieren fachkundige Radioakteure, die Geist und Seele in ihre Sendungen investieren."

Von diesem "Liebhaberprojekt" (Zettpunkt) hofft Klaus Walter, es möge sich in naher Zukunft "so etablieren, dass man damit Geld verdienen kann". Er glaubt, Byte.fm habe "das Potenzial zur Plattform für alle, die sich im deutschsprachigen Raum mit Musik beschäftigen". Der Diskurs über Pop, der heutzutage mehr in Tageszeitungen als im Radio geführt werde, ließe sich dann auf "eine andere, eine hörbare Ebene" heben.

Damit mit Byte.fm Geld verdient werden kann, braucht es erstmal Geld. Geld von Sponsoren. Die Akquise nennt Ruben Jonas Schnell "den eigentlich wichtigsten Teil meiner Arbeit". Das Programm selbst soll nach Möglichkeit werbefrei bleiben, denkbare Formen zur Reklame seien Banner auf der Internetseite und Player zum Abspielen des Byte.fm-Streams auf dem Computer, wie es ihn von Panasonic seit Anfang des Sendebetriebs gibt.

Bei möglichen Sponsoren komme das Konzept gut an. Immerhin sei Byte.fm neben den vielen Internetradios mit von Hörern selbst zusammengestellten oder unkommentierten Playlists einzigartig als musikjournalistisches Vollprogramm. Bislang schalteten mehr als 60 000 Hörer im Monat ein.

Weiter als Schnell, der in Byte.fm "eine Ergänzung" zum öffentlich-rechtlichen Radioprogramm sieht, denkt Klaus Walter: "Abgesehen von den rechtlichen und politischen Problemen könnte man doch fragen: Warum gibt es eigentlich unter dem Dach der ARD nicht einen Platz für so ein Internetradio, wenn schon so viele ARD-Leute dabei sind? Tatsächlich werden wir das häufig gefragt."

Autor:  STEPHAN LOICHINGER
Datum:  26 | 8 | 2008
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