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Musik

16. November 2014

Carolin Widmann Frankfurt: Für sie ist jede Musik eine Musik

 Von Hans-Klaus Jungheinrich
On Kawaras Zen-Haltung der „Date Paintings“ trifft auf eine virtuose Etude.  Foto: Tibor Florestan Pluto/Alte Oper

Carolin Widmann, ein charismatischer Anti-Star, ist an fünf Frankfurter Konzerttagen auch Ermöglicherin.

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Für fünf Tage lud die Alte Oper Frankfurt die Geigerin Carolin Widmann ein, um Programme nach eigenem Gusto zu präsentieren. Solche „Carte blanche“-Praxen zeitigen fast immer Ungewöhnliches, Überdurchschnittliches. Erst recht Spannendes und Vielseitiges war unter der Beflügelung dieser Künstlerin zu erwarten, die man als „Spezialistin“ für alte Musik wie für neue Musik und nicht minder für das klassisch-romantische „Kern“-Repertoire apostrophieren könnte.

Oder, anders und mit mehr Emphase gesagt, als jemanden, für den es nur eine Musik gibt: die aller Zeiten und Orte. Eine weitere „Spezial“-Begabung ist für die 38-Jährige nicht weniger bezeichnend: Sie scheint eine leidenschaftliche „Ermöglicherin“; fähig, außerordentliche Kollegen an ihren Vorhaben zu beteiligen.

Gleiche unter Gleichen

Carolin Widmann, also nicht so sehr ein Star (wenngleich so gut fotografierbar, dass mit ihrem Bild gerne ausgiebig geworben wird) als ein charismatischer Anti-Star. Diesen Eindruck gewährte vor allem der „klassische“ Klaviertrioabend im Mozartsaal. Hier zeigte sich die Violinistin als hellhörige Kammermusikerin, die immer wieder auch, wenn es die komponierten Ereignisse darauf anlegten, hinter ihren Partner zurückzutreten vermochte als Gleiche unter Gleichen.

Die „Primus“-Rolle kam dann eher dem erfahrenen Klavierspieler Alexander Lonquich zu, der bei Beethovens „Erzherzogtrio“ ebenso wie bei Brahms’ C-Dur-Trio Opus 87 nicht nur die ungleich größere Notenmenge, sondern auch die noch entscheidenderen Motiv- und Ausdrucksimpulse zu vermitteln hat. Dabei achtete Lonquich aber doch stets auf tonliche Ausgeglichenheit, so dass auch die Violoncellistin Marie-Elisabeth Hecker mit ihrem warmen, satten Timbre bestens zur Geltung kam.

Bei der filigranen Geigenstimme fiel die zeichnerische Sensibilität auf, mit der viele Piano-Linien ohne das konventionelle Vibrato gespielt wurden. Gut zu bemerken, dass Carolin Widmann den konzertüblichen „geigerischen“ Attitüden abhold ist. Gleichwohl war beim (den Abend einleitenden) Schubert-Notturno Es-Dur (ähnlich wie bei der Zugabe aus Beethovens Opus 70,2) der Klangzauber dreier im Hauptthema scheinbar völlig miteinander verschmelzender „Stimmen“ nahezu optimal erreicht.

Für ein faszinierendes „Experiment“ verbündete sich die Alte Oper mit dem Museum für Moderne Kunst. In dessen Räumen erlebten an drei Abenden jeweils gut 70 Zuhörer Carolin Widmann und zwei weitere Musiker mit Stücken ganz verschiedener Herkunft, aber ähnlicher Dichte und Radikalität.

Diese Musik wurde jeweils anderen Exponaten ausgesetzt: den Topfarchitekturen Suboth Guptas, dem monumentalen „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“ von Joseph Beuys, dem mystisch-spiritistischen Dunkelraum „Twilight Arch“ von James Turrell, den nüchtern-perfektionistischen „Date paintings“ von On Kawara. Dessen obsessives Lebenswerk der Datumstafeln ist eine ebenso pedantische wie bedeutungsleere Serie gleichartiger optischer Objekte, der man die „Bild“-Qualität ebenso absprechen könnte wie Cage den Klang- „Charakter“.

Wandelkonzerte in Kunstmuseen

Es war indes reizvoll, dass Kawaras reduktionistische Zen-Haltung hier nicht mit Cage „verdoppelt“, sondern durch extrem bedeutungsgeladene und zeitstrukturierende Musik konterkariert wurde: Jörg Widmanns verhext virtuose „Étude III“ und die Chaconne aus Bachs Partita d-moll, zwei extreme Zeiterkundungen der Solovioline. Kühne Kontraste zwischen Brahms/Schumann und Webern/Crumb dann (zusammen mit dem Pianisten Florent Boffart) im Angesicht des Beuys-Denkmals.

In sich nochmals gegensätzlich dabei die phänomenalen „Vier Stücke für Violine und Klavier“ von Anton Webern, wo man zwei völlig verschiedene Geigen zu vernehmen glaubte: eine ausgreifend-sonore, heftig gestikulierende, auch klangmächtige und dagegen, in den Sätzen 1 und 3, eine fast stumme, an der Hörgrenze flüsternde.

Sensationell geradezu bei stets hervorragender Raumakustik die Wandlungsfähigkeit der geigerischen Sonorität. Ein zum Glück nicht nur marginaler Programmpunkt die den fast dreistündigen Abend rahmenden Sitar-Vorträge von Ashok Nair, Ragas der stillen, den Einzelton und das quasi-tonale In-sich-Ruhen zum Ereignis machenden Art.

Wandelkonzerte in Kunstmuseen gibt es etwa in Köln (auch bedingt durch die Nachbarschaft der Philharmonie und der Ludwig-Sammlung) schon länger; für Frankfurt war derlei neu und dank der Neugier und des synästhetischen Kunstverstands von Carolin Widmann ein Gewinn. In einem weiteren Konzert in der Alten Oper stellte die Geigerin (die derzeit das norddeutsche Mekka der Musica antiqua, das sommerliche Fest in Hitzacker, leitet) ihre Kompetenz in Sachen früher Musik mit der Akademie für Alte Musik Berlin unter Beweis.

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