Mit ihrer CD "Sacrificium" und deren Tourneefolg will Cecilia Bartoli eines Opfers gedenken - des Opfers der Kastraten, für die es hieß: Knabenstimmenerhalt gegen Keimdrüsen. "Jedes Kunstwerk ist eine abgedungene Untat", könnte man mit Adorno zu jenem schon im antiken Griechenland üblichen Brauch sagen, die Schönheit der Knabenstimme in den erdenschweren Männerkörper hinüberzuretten. Wie bei Platon der betörende Sirenengesang aus Vogelkörpern mit Menschenköpfen mit Bartwuchs erscholl, so die strahlende Schönheit der Kastratenstimme nur aus versehrten Körpern.
Das Publikum in Frankfurts Alter Oper war sofort auf Jubel eingestellt, als Bartoli mit Dreispitz, Galan-Umhang und Stulpen wie der gestiefelte Kater auf die Bühne kam. Das Sacrificium vergessen, noch bevor der erste Ton der ganz auf freudige Offensive eingestellten Sängerin zu hören war.
Arien von fünf berühmten Kastraten des neapolitanischen Barock präsentierte die 44-Jährige, die sich dem Vergleich mit der hier vor drei Monaten ebenfalls mit Kastratenarien aufgetretenen Vesselina Kasarova stellte. Wo die Bulgarin mit enormem Registerspektrum und einer von Ton zu Ton neu tektonisierten Stimmführung triumphierte, tat Bartoli das mit einem Duktus, der alle gestalterischen Drehungen und Wendungen in einem Rutsch mitnahm. Fragilität ist ihre Sache nicht. Und wenn man sich von dem Drive ihres Auftritts mitreißen ließ, fielen auch die vielen nicht exakt sitzenden Töne und durchrutschenden Staccati nicht auf. Zu Vieles hatte Gaumenfarbe, die allerdings in den hohen und sehr schön leise genommenen Legatogängen platonischen Zauber sehr beförderte. Das Kammerorchester Basel begleitete mit Verve.