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Musik

04. Dezember 2012

Crystal Castles III: Süß säuselnde Zombies in fauliger Luft

 Von Markus Schneider
Fühlen sich gerne isoliert und entfremdet: die Crystal Castles.Foto: Universal Music

Die Crystal Castles liefern mit „III“ ein todschickes Elektropop-Album ab, das seine Monothematik aufs Allerschönste variiert und das brausende Fegefeuer der Endzeit attraktiv wie selten erscheinen lässt.

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Die Grunddisposition hat sich offenbar nicht verändert. Die Titel, die Alice Glass und Ethan Kath den Songs ihres dritten Albums „III“ gegeben haben, zeigen zunächst eine ungebrochen düstere bis schlichtweg aussichtslose Sicht auf die Welt. Sie heißen zum Beispiel „Wrath of God“ und „Plague“, „Sad Eyes“ und „Child I Will Hurt You“. Die Musik dazu besteht wie zuvor aus schrill übersteuerter und kreischig zischender Elektronik, dunkel brodelnden Bässen und Glass’ Stimme, die in spitzen Lagen und hohem, zombiehaft körperlosem Säuseln durch die Stücke streunt.

In ihren notorisch strengen und wortkargen Interviews erklären die Crystal Castles das mit allgegenwärtiger Unterdrückung und einer komplett aus den Fugen geratenen Welt des Schreckens und der Korruption, zu der man sich nur entfremdet verhalten könne. So liest sich das etwa (unter dem schönen Titel „Wir haben ein E-Mail-Interview mit den Crystal Castles geführt, und es war unbehaglich“) in der Village Voice, der sie die Hälfte der Fragen gar nicht erst beantwortet haben: „Wir haben das Album in Warschau aufgenommen, weil wir dort niemanden kannten, die Sprache nicht sprechen und daher völlig isoliert sein konnten. Die Kälte war auch schön.“

Interessanterweise gehören die Crystal Castles dennoch und vor allem wegen der sensationellen Performance von Alice Glass zu den beliebtesten Live-Acts des aktuellen Indiepop. Wohl auch mit Blick auf die größeren Hallen, in denen sie inzwischen auftreten, haben sie für die Songs auf „III“ nach ein paar neuen Tricks gesucht, ihre Verstörung und Verstimmung zu formulieren. Dazu nutzen sie diesmal angeblich ausschließlich analoge, von, wie Kath sagt, „Insekten und Geistern befallene“ Synthesizer und alte Bandmaschinen. Nicht etwa, dass ihr Sound nun plötzlich Wärme verbreitete oder in einer weniger elektronisch versuchten Klangwelt spielte. Aber sie variieren ihre Stimmungen und ziehen die Songs gleichsam etwas wärmer an, lassen süßlich faulige Gothschwaden über wuchtige Rave-Beats durch die Tracks ziehen, und oft mischt sich in Glass’ Stimme ein beinahe zärtlicher Ton, den sie gegen ihr sehr eigenes bedrohlich verzerrtes, spitzes Kreischen setzt.

Böses Peitschen und Zischen

Gleich das eröffnende „Plague“ versucht sich mit prächtigem Ergebnis an einer Art verzweifelter Hymnik, mit stampfendem Bass und einer simplen, stotternd geschnittenen und weiß verzerrten Synthielinie voll splitternder Gesangspartikel. In „Sad Eyes“, dem poppigsten Stück, marschiert sogar eine dicke eurotrashartige Electro-Fanfare neben einer sehnsüchtig wallenden Gesangslinie, wobei immerhin beides mit ausgesprochen bösem Peitschen und Zischen unterlegt wird. Und der letzte Titel wird mit sanftem Klingeln, einsamem Basswabern und ätherisch wogendem Echogesang gar zu einem wehmütig apokalytischen Schlaflied. Zu diesen zutraulichen Stücken fügen sich wiederum grandios ungemütliche Songs voll entmenschter White-Noise-Chöre, doomigen, humpelnden Bässen, stechend hohen Fiepmelodien und Kaths typischen, seltsam stroboskopartigen, verzerrten Loops.

„III“ ist mit anderen Worten ein todschickes Elektropop-Album, das seine Monothematik aufs Allerschönste variiert und das brausende Fegefeuer der Endzeit attraktiv wie selten erscheinen lässt.

Crystal Castles: III (Polydor/Universal)

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