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Musik

15. November 2012

Daniel Barenboim zum 70. Geburtstag: Sternstunden und Kraftmeiereien

 Von Peter Uehling
Musik ist für den Jubilar nichts Heiliges, sondern Teil des Alltags. Foto: dpa

Stets hatte er ein untypisches Verhältnis zur Musik und war zugleich eine eindrucksvolle Demonstration, welche Macht ein Künstler alter Schule ausüben kann: Zum 70. Geburtstag des Dirigenten, Pianisten und Kulturpolitikers Daniel Barenboim.

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Berlin –  

Die Musik, die wir die „klassische“ nennen, hat sich weit vom Leben entfernt. Gebunden an ein Ritual namens „Konzert“, werden seit dem Zweiten Weltkrieg mehr oder minder immer wieder die gleichen Werke gespielt: vorgeführt von Musikern, deren gedrillte Virtuosität im selben Maß steigt, wie die Bereitschaft und Fähigkeit der Gesellschaft abnimmt, sich mit Musik und ihrer Interpretation zu beschäftigen.

Der Dirigent, Pianist und Kulturpolitiker Daniel Barenboim, dessen 70. Geburtstag die Musikwelt heute feiert, ist in diese Problemlage vielfältig verwoben. Er ist hineingewachsen in die moderne Klassikwelt, die Menschen wie Herbert von Karajan entworfen haben: Mit hoch subventionierten Institutionen werden kommerzielle Aufnahmen produziert, Plattenfirmen und Festspiele entwickeln den Luxuskonsumartikel „Klassik“ und ermöglichen den Stars ein Jetset-Leben. Nach Inhalten wurde nur gelegentlich von Dissidenten wie Nikolaus Harnoncourt gefragt; Barenboim indes findet nichts daran, immer wieder die Klavierkonzerte Mozarts und Beethovens aufzuführen oder die Sinfonien Beethovens und Bruckners oder die Opern Mozarts und Wagners und Verdis.

Wie die anderen Dirigenten und Pianisten seines Ranges reist er um die Welt und sieht kein Problem darin, in verschiedenen Ländern oder gar auf verschiedenen Kontinenten Chefpositionen wahrzunehmen – bis 2006 leitete er nicht nur die Berliner Staatskapelle, sondern auch das Chicago Symphony Orchestra, jetzt teilt er seine Zeit zwischen der Staatsoper und der Mailänder Scala.

Untypisches Verhältnis zur Musik

Internationalität ist Barenboim mitgegeben worden: Geboren wurde er als Enkel russischer Juden in Buenos Aires, seine Muttersprache ist Spanisch. Seine Familie zog mit dem noch nicht Zehnjährigen nach Tel Aviv in den neugegründeten Staat Israel. Ausgebildet wurde er in Salzburg, Rom und Paris. Barenboim – der Name ist übrigens jiddisch und bedeutet „Birnbaum“ – ist ein Israeli, der seit 2007 auch einen palästinensischen Pass vorweisen kann, sein Engagement für die Region ist furchtlos. Dennoch ist seine kulturelle Identität nicht jüdisch. Seine Kindheit in Argentinien hat eine Prägung zum latinischen Genussmenschen hinterlassen, sein Hauptinteresse gilt der deutsch-österreichischen Musik.

Während Barenboim die internationale Klassikwelt schon biografisch wie kein anderer verkörpert, ist sein Verhältnis zur Musik in dieser von Disziplin beherrschten Sondersphäre absolut untypisch. Barenboims einziger Klavierlehrer war sein Vater, geübt hat er angeblich nur eineinhalb bis zwei Stunden am Tag. Er ist auf diese Art kein Virtuose für Wettbewerbe geworden, vermochte aber als Elfjähriger den alten Wilhelm Furtwängler so zu begeistern, dass der ihm ein Empfehlungsschreiben aufsetzte. Auf solche Art konnte man in den 1950ern noch Karriere machen!

Musik ist für Barenboim nichts Heiliges, die Beschäftigung mit ihr ereignet sich nicht in der entrückten Sondersphäre einer „Berufung“, sondern ist Teil des Alltags. Auch wenn der Dirigent Barenboim den Pianisten mittlerweile weit überragt, kann man diese Tätigkeiten nicht in eine Hierarchie zu setzen, weil beide zum künstlerischen Stoffwechsel dieses Musikers gehören.

„Keine Note mechanisch zu spielen“, ist auch und gerade beim Üben seine Furtwänglersche Maxime. Musik ereignet sich also immer als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel. Nur sollte man nicht glauben, dass diese Kommunikation dem Ideal des herrschaftsfreien Diskurses folgte. Nicht nur als Dirigent ist Barenboim ein Mann, der sich durchsetzt.

Die Macht eines Künstlers alter Schule

Er spielt seine Autorität und seinen Status als Weltstar aus, wo immer er es für richtig hält. Dabei ist an der Ernsthaftigkeit seiner Absichten nicht zu zweifeln. Das kann politisch unbequem sein, wie sein Zitat aus der israelischen Verfassung in der Knesset in seiner Dankrede zur Verleihung des Wolf-Preises, das die israelische Regierung dazu ermahnen sollte, mit den Nachbarn in Frieden zu leben. Das kann der Großtat des von Barenboim gegründeten West-Eastern Divan Orchestra sein, in dem Musiker aus Israel, Palästina und arabischen Staaten miteinander musizieren.

Das kann durch Drohung mit Rücktritt allerdings auch Richtung Erpressung gehen, wenn die Interessen des eigenen Opernhauses auf der Tagesordnung stehen. Barenboim hat für die Staatsoper staatliche Zusatzgelder in Höhe von zehn Millionen eingeworben, die größtenteils seinem Orchester zugute kamen. Wie das den anderen Berliner Opern gegenüber gerechtfertigt werden kann, interessiert ihn nicht. Auch für sein jüngstes Projekt, die 2015 eröffnende Akademie für Musiker aus Nahost (BLZ vom Mittwoch), hat Barenboim es verstanden, den Steuerzahler mit 20 Millionen Euro in die Pflicht zu nehmen.

Barenboim zeigt, was die Macht eines Künstlers alter Schule bewirken kann. Mit seinem Engagement im Nahen Osten setzt er sich ab von den dezidiert „unpolitischen“ Künstlern seiner Elterngeneration. Im West-Eastern Divan Orchestra werden mit Musik wirklich nationale und kulturelle Gräben übersprungen.

Gut für die Welt

Das ist gut für die Welt, bedeutet für die Musik jedoch wenig, denn dieser Sprung geschieht immer mit der gleichen europäischen Musik. Es ist erstaunlich, dass Barenboim ausgerechnet im engsten Bereich seiner professionellen Zuständigkeit wenig dramaturgische Fantasie entwickelt. Jenseits seines echten Interesses für die Werke seines Freundes Pierre Boulez und des kürzlich verstorbenen Elliott Carter verspürt Barenboim wenig Drang zur Erweiterung seines gigantischen, aber traditionellen Repertoires.

Wie man die klassische Musik nicht nur zu politischen Zwecken einsetzt, sondern auch aus der Ecke der Reichen und der Alten herausholt, darauf sucht dieser Musiker keine Antwort. Vielleicht verdankt man Barenboim noch immer mehr musikalische Sternstunden als jedem anderen lebenden Musiker, Augenblicke, die man nie vergisst und für die man ihm die nicht seltenen ungefähren Momente, technische Schwächen und auch seine fragwürdig-kraftmeiernden Zyklen gerne nachsieht.

Barenboim ist als Musiker eine Klasse für sich und über Kritik hinaus, seine Lebensleistung übermenschlich. Aber die aktuelle Lebensfrage der ernsten Musik, wie sie substanziell und nicht nur dank hübscher junger Interpreten überleben kann, beantwortet Barenboim nicht. Er ist der größte Musiker einer untergehenden Klassikwelt

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