Aktuell: Trauer um Claudia Michels | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Fußball-News | Eintracht Frankfurt

Musik

06. Dezember 2012

Dave Brubeck: Der Wegweiser

 Von Markus Schneider
Dave Brubeck sollte Cowboy werden, machte aber den Jazz reich und populär.Foto: Getty Images

Seine Größe bestand darin, komplizierte Rhythmik und eigenwillige Harmonik mit Swing in Einklang zu bringen. Am Mittwoch, einen Tag vor seinem 92. Geburtstag, verliert die Welt mit Dave Brubeck ihren bekanntesten Jazzpianisten.

Drucken per Mail

Seine Größe bestand darin, komplizierte Rhythmik und eigenwillige Harmonik mit Swing in Einklang zu bringen. Am Mittwoch, einen Tag vor seinem 92. Geburtstag, verliert die Welt mit Dave Brubeck ihren bekanntesten Jazzpianisten.

Jeder kennt „Take Five“. Auch wer im Leben noch nie einen Jazztitel bewusst gehört hat, kann das Stück des Dave Brubeck Quartetts aus dem Jahr 1959 mit seinem wunderbar leichten Ton über dem schwierigen 5/4-Rhythmus sofort identifizieren.

Und so kann man mit gutem Grund behaupten, dass die Welt mit Brubeck, der am Mittwoch, einen Tag vor seinem 92. Geburtstag, auf dem Weg zu seinem Kardiologen starb, den bekanntesten Jazzpianisten der Geschichte verliert.

Doch in der Heldensage der Jazzgrößen nahm er lange einen weniger prominenten Platz ein. Nur einige Kompositionen wie „In Your Own Sweet Way“ haben es ins Standardrepertoire geschafft und seine pianistische Technik war lange umstritten. Seine Blockakkorde schienen oft zu gradlinig und wuchtig und selbst eine populäre Enzyklopädie wie Ian Carrs „Rough Guide“ notiert 1995 noch despektierlich, dass er auf seinem ersten Hitalbum „Jazz at Oberlin“ von 1953 gelegentlich „über seine Finger stolpert“.

Kein typischer Vertreter der Jazzszene

Tatsächlich gründeten die Vorbehalte gegen seine Musik nicht zuletzt im Hautfarbenverdacht. Er verdankte seinen Erfolg unter anderem einer klugen Auftrittspolitik, die ihn seit den frühen Fünfzigern an die Colleges führte, also zur weißen Mittelschicht, die seine Anlehnung an die europäisch-klassische Tradition, die ungeraden Rhythmen und kontrapunktischen Kniffe weniger verstörend fand als die Wildheit der Bopper oder die arrogante Reduktion des Miles-Davis-Cool. In Brubecks Jazz fehlte sowohl die swingende Eleganz eines Duke Ellington wie die exzentrische Räumlichkeit eines Monk. Auch sein Lebenswandel ohne Alkohol, Zigaretten, Drogen wies ihn nicht gerade als typischen Vertreter der Szene aus.

Nicht ganz zu Unrecht reagierte die Jazzszene verstimmt, dass ausgerechnet ein Vertreter des weißen kalifornischen Bürgertums zum globalen Repräsentanten der Musik erwählt wurde. Schon in den frühen Tagen des Kalten Kriegs kursierte der Scherz, dass man zu Verhandlungen zuerst Außenminister John Foster Dulles schicke – und dann Brubeck, um den Schaden zu reparieren. Insgesamt trat Brubeck vor acht US-Präsidenten und sogar Papst Johannes Paul II auf.

Die afroamerikanischen Innovatoren wiederum konnten in den Fünfzigerjahren in weiten Teilen der segregierten USA die Clubs gerade mal über den Bühneneingang betreten, und als Brubeck 1959 mit seinem Album „Time Out“ mit den Hits „Take Five“ und „Blue Rondo à la Turk“ einen bis heute kaum erreichten Millionenseller einspielte, zündelte die Jazzavantgarde schon an der Fire Music als Soundtrack zum afroamerikanischen Widerstand.

Brubeck war das alles durchaus bewusst. Schon in seiner Armeezeit leitete er die erste Band, die aus schwarzen und weißen Musikern zusammengesetzt war und zeit seiner Karriere enagierte er sich gegen den Rassismus. Dass 1954 er und nicht Duke Ellington als zweiter Jazzer nach Louis Armstrong auf dem Cover des Time-Magazines erschien, fand er selbst peinlich, und schon in den Fünfzigern sagte er Konzerte und TV-Auftritte in den USA und eine lukrative Südafrika-Tour ab, weil man ihn gedrängt hatte, auf seinen afroamerikanischen Bassisten Eugene Wright zu verzichten. Stattdessen begleitete ihn Wright auch 1964 bei seinem Auftritt im Weißen Haus.

Schönberg-Lehrling

Überhaupt täuscht der konventionelle Eindruck. Eigentlich hätte er wohl Cowboy werden sollen. Jugendfotos zeigen hoch zu Ross auf der Rinderfarm seines Vaters in Ione, Kalifornien. Seine Mutter, eine ausgebildete Konzertpianistin, gibt ihm zwar Unterricht, doch Brubeck studiert zunächst Tiermedizin, bevor er zur Musik wechselt. Nach dem Militärdienst, wo er den Dienst an der Waffe verweigert, setzt er das Studium fort. Er lernt unter anderem Komposition bei Schönberg, doch sein Haupteinfluss wird der französische Avantgarde-Komponist Darius Milhaud. Der popaffine Milhaud – auch Burt Bacharach gehört zu seinen Schülern – drängt ihn zum Jazz. Hier verstand sich Brubeck stets weniger als pianistischer Virtuose denn als spielender Komponist, was er seit den späten Sechzigerjahren auch mit Orchesterwerken und Oratorien unterstrich. Dabei beschäftigte er sich auch vor seiner Konversion zum Katholizismus 1980 oft mit religiösen Themen.

Der instrumentale Virtuose in seinem Quartett war der Alt-Saxofonist Paul Desmond, mit dem er 25 Jahre zusammenspielte. Von Desmond stammt auch die Melodie von „Take Five“ – was Brubecks spezielles Talent so wenig schmälert, wie seine gelegentlich allzu populär druckvolle Technik. Denn ohne den ideologischen Ballast der zeitgenössischen Grabenkämpfe besteht Brubecks Verdienst nicht allein darin, dem Jazz an sich den Weg in den Mainstream gewiesen zu haben. Vielmehr liegt in seinen besten Stücken seine Kunst gerade darin, mit komplizierter Rhythmik und eigenwilliger Harmonik zu experimentieren, ohne in kühler Abstraktion zu versinken. Und dabei hat er weder die Leidenschaft noch den Swing aufgegeben.

Zur Homepage
comments powered by Disqus

Musik-Charts

Quelle: Amazon Mehr...

Videonachrichten Musik
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Videonachrichten Kultur