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Musik

04. März 2013

David Bowie: Und er lebt!

 Von Markus Schneider
Meister der künstlerischen Selbstermächtigung: David Bowie.Foto: AFP

Souverän wie eh und je: David Bowie und sein großartiges neues Album „The Next Day“, das coolste Album seit 1980.

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Souverän wie eh und je: David Bowie und sein großartiges neues Album „The Next Day“, das coolste Album seit 1980.

Man kann natürlich David Bowies neues Album als Comeback-Album verstehen. Bis 2003 hatte er in recht regelmäßigen Abständen von zwei Jahren insgesamt 23, meist recht erfolgreiche Alben produziert. Nach einem Herzinfarkt 2004 hielt er sich zurück, trat nur gelegentlich als Gast auf, bei David Gilmour und Scarlett Johansson, als Charity-Sänger und Festivalkurator. Da durfte man über ein Karriereende spekulieren. Allerdings war er weder von der Öffentlichkeit in die Versenkung verabschiedet worden, noch hatte er sich irgendwie amtlich aus der aktiven Poparbeit verabschiedet. Dass er selbst mit der Comeback-Idee spielte, zeigt schon der marketingtechnisch elegante wie medial bemerkenswerte Überraschung-Coup, zwei Jahre lang unbemerkt an „The Next Day“ zu arbeiten.

Dass es wiederum das coolste Bowie-Album seit 1980, seit „Scary Monsters (and Super Creeps)“, geworden ist, hat weniger mit einer wiedergefunden musikalischen Kraft zu tun. Abgesehen von den beiden plumpen Tin-Machine-Alben produzierte er in den Achtziger- und Neunzigerjahren zuverlässig seinen interessant erwachsenen Autoren-Artpop und beschäftigte sich – zuletzt und auch diesmal wieder begleitet von seinem Siebzigerproduzenten Tony Viscconti – mit Unsicherheit, Angst und Verfall. Nur hatte Bowie die Popwelt in den Siebzigern natürlich genau deshalb so fasziniert, weil er sich eben nicht als identifizierbare Figur auf eine Sprecherposition festlegte.

Melancholische Verwehtheit

Spätestens ab 1971, mit „Hunky Dory“, hatte er seine Arbeit als Autor und Performer entschieden als Spiel, Zitat und Eigenkonstruktion behauptet. In den Credits dieses immerhin schon vierten Albums nennt er sich Schauspieler, das Cover zitiert Greta Garbo, die Songs feiern Bob Dylan, Andy Warhol mit seiner Schar von Superstars und Velvet Underground. Als wiederum um 1980 herum alle halbwegs hippen Post-Punks begonnen hatten, solcherart in fremden Zungen und aus Rollen zu sprechen, löste Bowie auf „Scary Monsters“ gleichsam das Ensemble seiner Figuren auf und begann, wenn man so will, seine eigentliche Solo-Karriere als David Bowie, schmelzbegabter, intellektueller Crooner.

Das eigentliche Comeback von „The Next Day“ gilt daher einer Art Reunion der Bowie-Rollen-Band. Ganz wörtlich interpretiert, erklärt das ja schon das Album-Cover, eine Neuauflage des Artworks von „Heroes“. Bowie ersetzt darauf sein Originalgesicht durch eine weiße, mit „The Next Day“ beschriebene Fläche: Am Tag nach dem Berliner Meilenstein von 1977 ist die Autoren-Position schon wieder freigeräumt. „Where Are We Now“, die Reminiszenz an seine Berliner Zeit und erste Single des Albums, ist der schönste Titel. Aber sie führt in ihrer melancholischen Verwehtheit nicht, wie man in den letzten Tagen öfter lesen konnte, in die Irre. „The Next Day“ ist mit Selbst- und Fremdzitaten so vollgepackt wie nie in den vergangenen Jahrzehnten. Inmitten von meist rauschig-rockigen Midtempo-Stücken zeigt der Berlin-Titel nur einen Aspekt der Beschäftigung mit seinen Vergangenheiten. Diese laufen allerdings in den elektronisch ausgestatteten, dicht produzierten Rocknummern wie unscharfe Projektionen im Hintergrund mit, als Saxofone und Fuzzgitarren von den „Dirty Boys“ des Glamrock, als Zitat von den Rolling Stones in „I’d Rather Be High“ oder einer gesungenen Shadowsmelodie, in unterlegten Rockriffs und textlichen Anspielungen auf Figuren wie Ziggy Stardust oder Aladdin Sane.

Im wunderbaren letzten Titel „Heat“ kühlt er seinen Opern- zum Kunstliedbelcanto und ehrt damit als exaktes Soundalike seinen Freund Scott Walker, dem er sich natürlich auch als strengem, enigmatischem Künstler seelenverwandt findet. Im Text zitiert er den japanischen Formalisten Mishima, auch ein Künstler der Maskierung, während der Song sich inmitten einer brüchig weitläufigen Architektur verliert, zugewachsen von abweisenden Geräuschen, wimmernden Geigen und weichlich-twangendem Achtziger-Bass. „Ich bin ein Seher, ich bin ein Lügner“, singt er, „und ich rede mir ein, dass ich nicht weiß, wer ich bin.“ Bowie geht mit der Abgrenzung zur pathologischen Verwirrung auf Nummer sicher: Seine multiple Persönlichkeit beruht auf einer jeweils erneuerten künstlerischen Arbeitshypothese.

Paranoia und Größenwahn

Eine solche ist ja schon David Bowie selbst, der 1947 als David Robert Jones geboren wurde. Mit „You Feel So Lonely You Could Die“ spielt er natürlich auf „Heartbreak Hotel“ seines Jugendhelden Elvis an. Aber der Text scheint auch von vager, bedrohlicher Besessenheit zu erzählen – er öffnet sozusagen der Biografie von David Jones die Möglichkeit, beim Versuch der kleinbürgerlichen Vorstadtenge in den Glamour von Rock’n’Roll und Hollywood zu entkommen, böse zu scheitern. Im gewalttätigen Szenario des Titelsongs – vordergründig geht es um den Sturz eines antiken Diktators – treffen sich Paranoia und Größenwahn.

Auch auf der zweiten Single „The Stars (Are Out Tonight)“ geht es um die zwiespältigen Zumutungen der Medien- und Celebrity-Kultur. „Man wird die Stars nicht los“, seufzt er, „aber ich hoffe, sie leben ewig.“ Wenn er im Video dazu mit Tilda Swinton Ehealltag spielt, wirkt das wie ein nüchternes Nachspiel der Zeiten als androgynes Glamourpaar mit seiner ersten Frau Angela, die er 1970 mit „The Prettiest Star“ umworben und fortan so genannt hatte. Immerhin war es die kosmopolitische Amerikanerin, die ihn zu seinem protoqueeren, homo-, bi-, crossdress- und aliensexualisierten Selbstermächtigungsprogramm angestachelt hatte, der Mainstream-Verlängerung von Warhols Idee vom Außenseiter als heroischer Superstar für einen Tag. Und natürlich inszeniert Bowie seine Songs immer ambivalent, die erstaunlich originale Stimme bereit zu glanzvollen Überhöhungen, wehmütigen Stürzen und paranoider Enge.

„The Next Day“ wirkt dabei weder nostalgisch noch zeitlos. Vielmehr zeigt sich Bowie auf diesem schönen Album als Künstler, der seine Zeitgenossenschaft souverän aus der eigenen Geschichte entwickelt. Diese hat ja andererseits den tollen Vorteil, dass sie vor allem auf Fantasien von zukünftigen Möglichkeiten beruht.

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