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Musik

12. Februar 2016

Deichkind in der Festhalle: Die machen das mit Absicht

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Seit 2008 mit an Bord: Ferris MC (mi.), mittlerweile unterwegs als „Ferris Hilton“.  Foto: dpa

Fühlt sich an wie ein surrealer Kindergeburtstag für Erwachsene: Deichkind tritt in der Frankfurter Festhalle auf.

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Yeah! Verkauf das letzte Hemd für die Karten vom Konzert./ Alle woll’n den Abriss / gefedert und geteert./ Wir haben euch vermisst, es ist viel zu lange her./ Die Show kann jetzt beginnen – und alle nur so: Yeah!“

So beginnt ein Deichkind-Konzert. In der Frankfurter Festhalle läuft als Intro davor noch ein Natur-und-Tiere-Video, das sich immer weiter ins Transzendentale steigert bis hin zum Verprügeln einer Hüpfburg. Dann folgt das Lied „So’ne Musik“.

„Und auf einmal hörst du: So’ne Musik. / Aus dem Kinderzimmer, beim Gerätetraining./ Wer macht denn heute noch: So’ne Musik. / Bei der Stellensuche, in der guten Stube. / Endlich läuft mal wieder: So’ne Musik.“ Die drei Rampen-Deichkinder tragen dazu ihre Erkennungszeichen, leuchtende Dreieckshüte, und werden von einer Gruppe fahrbarer Säulen umtanzt. Dem Betrachter fehlen spontan die Worte, um die Szenerie in irgendetwas zu fassen. Zum Glück hat die Hamburger Combo schon selbst ein Label ersonnen: Kindergeburtstag für Erwachsene. Genau so ist es. Zurzeit bietet sich der Zusatz an: Fortsetzung des Karnevals mit pfiffigeren Mitteln.

Ohne rot zu werden

Seit bald 20 Jahren sind die Männer in wechselnden Besetzungen unterwegs. Aktuell wirbeln Gründer Philipp Grütering, Sascha Reimann und Sebastian Dürre in absurden Verkleidungen über die Bühne, Henning Besser entwirft die Shows, alles Herren um die 40, die sich Kryptik Joe, Ferris Hilton, Porky und DJ Phono nennen, ohne rot zu werden. Ihr sechstes Studioalbum „Niveau weshalb warum“ von 2015 war das erste auf Hitparadenplatz 1.

Sie machen vollelektronischen HipHop-Punk. Auf der Bühne ist kein einziges Musikinstrument zu sehen außer einer stilisierten Leuchtgitarre, die eingangs auf einem Podest vorgeführt wird wie der Götze einer längst versunkenen Zeit. Danach herrscht grellbuntes Tohuwabohu. Zu „Denken Sie groß“ erscheinen die drei Sänger mit riesigen Gehirnen auf den Köpfen. Ein Gehirn ist so groß, dass es von zwei zusätzlichen Männern gestützt werden muss. Alles leuchtet. Auch das Publikum hat Leuchtzeug dabei.

Ein surrealer Trip nach dem anderen: Deichkind auf Tour.  Foto: dpa

Die Party ist vom ersten Augenblick an auf dem Höhepunkt. Brutale Bässe, ein surrealer Trip nach dem anderen. Vieles ist dreieckig, die meisten Requisiten können rollen, fahren oder sich irgendwie drehen: Stühle, Schirme, Roller. Zum Internet-Anschiss „Like mich am Arsch“ rennt ein großer Computer-Cursor über die Bühne, verfolgt von zwei Pacman-Figuren. Zu „Hauptsache nichts mit Menschen“ macht die Band eine Polonaise durch die knallvolle Festhalle und führt als Positionsanzeiger einen riesigen Luftballon mit sich, der die Worte „Leider geil“ formt, den wohl größten Deichkind-Hit.

Ein Telefonanruf platzt in die Show: „Die Leute sollen die Hände hoch machen.“ Alle machen die Hände hoch. Zu „Hoverkraft“ fährt ein Deichkind im Schlauchboot durchs Publikum, weitergereicht vom feiernden Volk. Immer wieder Zeilen wie: „Frankfurt, wir gehören zusammen“, „Wir begleiten euch ein Leben lang“, „Wir machen das mit Absicht“.

15 Songs bis zum Konzertende nach 70 Minuten. Anschließend ungefähr 695 Zugaben. Die ganze Bühne ein Raumschiff Enterprise, die ganze Halle eine wogende Menge. Der Traum aller kleinen Jungen in der Altersklasse Ü40: Quatsch machen, dass es kracht, stufenlos verstellbar, kreativ, wild – und Tausende wollen dazu tanzen. All das täuscht nicht im Geringsten darüber hinweg, was die Kernkompetenz von Deichkind ist: die genialen Texte, Werbeslogans für das Leben. Leider geil.

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