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Musik

21. März 2013

Depeche Mode Album: Freude am komischen Geräusch

 Von Markus Schneider
Dave Gahan (l.) and Martin Gore in bester Laune: „Welcome to my World“.  Foto: reuters/MARIO ANZUONI

Depeche Mode erfinden mit ihrem neuen Album die Synthiemusik nicht neu. Doch „Delta Machine“ bietet konsequent wie lange nicht mehr wuchtig-geradlinigen Maschinenpop - und erstaunlich viel alten Blues.

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Ganz gleich auf welchem Fan-Level man um Depeche Mode kreist – ein wirklich schlechtes Album hat die Band nie veröffentlicht. Was schon etwas heißen will, wo sie sich mit „Delta Machine“, ihrem neuen, dreizehnten Album (das die Band vorab kostenlos zum Anhören ins Netz gestellt hatte), im 33. Jahr ihres Bestehens befindet. Man kann selbstverständlich nicht behaupten, dass ihnen immer alles gelang. Wurde das Trio doch über die Jahre durch Drogen, einen Selbstmordversuch und von Krebs bedroht – jeweils verbunden mit dem Sänger Dave Gahan.

Aber auch jenseits des Kerns aus drei, vier Alben um die Hitmaschine „Violator“ von 1990, also von Mitte Achtzig bis Mitte Neunzig, auf die sich alle einigen können, blieb ihre Versuchsdurchführung bei allen unterschiedlichen Schwerpunkten stets gültig. Zentral beschäftigen sie sich dabei seit Beginn mit der Frage, wie viel Pop man aus einer beiderseits skeptischen Betrachtung von Mensch und Maschine ziehen kann, ohne sich auf eine Seite zu schlagen.

Eine gewisse Formelhaftigkeit schien sich allerdings schon in die Arbeit des letzten Jahrzehnts zu schleichen – nicht weiter verwunderlich, wo das Trio seit 1990 zu den größten Stadionattraktionen gehört und zwischendurch inspirierter an ihren raumgreifenden Bühnen- als an ihren Klanglandschaften arbeitete.

Rückblickend konnte man schon auf dem letzten Album „Sounds of the Universe“ beobachten, dass die Band frischen Wind aus dem Achtzigerrevival mitnahm. Man konkurrierte nicht mehr mit den selbstbewusst abstrakten und funktionalen Techno-Elektronikern oder mit den latent apokalyptischen, „Angst“-bewegten Industrialrockern. Sondern mit einem Nachwuchshaufen, der in den satt und schwer pluggernden Synthierhythmen aus dem ersten Bandjahrzehnt von Depeche Mode einen Startpunkt fand. Ein historisch seltener Vorgang: Depeche Mode begegneten sich in Gestalt des Nachwuchses gewissermaßen selbst.

Wuchtig-gradliniger Maschinenpop

Natürlich wird auf „Delta Machine“ weder der Synthiepop neu erfunden, ein Fan verschreckt oder die Stadiontauglichkeit auch nur ansatzweise in Frage gestellt. Verglichen mit der freiflottierenden Raffinesse, mit der experimentellere Synthpop-Entwürfe derzeit durch kosmische Echokammern und Unterwasserwelten wabern, erden Depeche Mode ihre Tracks nach wie vor in einem zugänglich-melodischen, wuchtig-gradlinigen Maschinenpop.

Jedenfalls setzen die drei Anfangsfünfziger Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher über den größten Teil von „Delta Machine“ konsequent wie lange nicht mehr auf die Kraft elektronischer Sounds. Martin Gore hat sich offenbar ein bisschen Inspiration aus seinen freihändig effektfrohen Elektroinstrumentals mit Ur-Depecheler Vince Clarke als VCMG im letzten Jahr geholt. Von weich schwappenden bis brutalistisch dreschend, von dröhnend bis breiig verlaufend, von ultrakünstlich fiepend bis quasiorganisch ziehen Depeche Mode hier mit viel Freude am komischen Geräusch die Register der Apparate. Zwischendurch setzen sie ein paar Retroeffekte, täuschen schimmernde Kraftwerk-Modulationen an oder bollern erstklassig durch „Secret to the End“ mit einem feuchten DAF-Gummiriff. „Soft Touch/ Raw Nerve“ erinnert mit seinem Stakkatokeyboard und einem durchheulenden Sirenenton an ein Post-Punk-Cover von Anfang der Achtziger.

Doch wie ein Signalhorn knarzt gleich zur Begrüßung des Hörers ein breit verzerrter, nach hinten verstrahlender Bass zu einer lauten, dumpf bedeckten, drohenden Trommel das Intro zum ersten Titel „Welcome to My World“. „Warte nur ein Weilchen“, hebt sinngemäß eine lauernde Litanei an, „bald penetriere ich dir die Seele, blute in deine Träume, bis du die Kontrolle verlierst“ – bis also ein synthetisch-dramatisches, Orchestercrescendo mit Dave Gahan zu einem bebenden „Willkommen in meiner Welt“ schwillt.

Gitarrenschlaufen aus dem alten Blues

Diese Welt wiederum erscheint, wie es der Albumtitel schon andeutet, ungewohnt deutlich im Lichte des Blues. Gleich zweimal, für „Slow“ und den Rausschmeißer „Goodbye“, leiht sich Gore eine Gitarrenschlaufe aus dem alten Blues. Die wird jedoch einerseits so stur geleiert, dass sie wie ein Sample vom Wu-Tang-Meister RZA klingt; und andererseits auch nach den ersten Runden unauffällig ins Elektronische gebettet, dass niemand auf falsche Ideen kommen kann. Denn natürlich hat der Blues, denkt man an Songs wie „Personal Jesus“ oder Alben wie „Songs of Faith and Devotion“, schon immer einen besonderen Platz in ihrem Universum, als mehr oder weniger einzige Spur der afroamerikanischen Tradition im Rock.

Swing, Funk, Groove, seit der elektronischen Revolution der Neunziger fester Bestandteil maschineller Musik, finden im Depeche Mode-Pop wesentlich nicht statt. Andererseits folgten sie auch selten den harten Goths nach unten in Gruft und Doom, sondern suchten im lodernden Tal der Finsternis gosplig steigend nach Erhebung und Erlösung. Über die Texte muss man daher wiederum nicht weiter reden, weil sie sich – auch hier bluesverwandt – in den gewohnten Chiffren von Seelenpein und Lust ergehen.

Wenn im großartigen „Angel“ zu einem harten Trommel- und Zischgeprügel auf dröhnend walzender Unterlage der Engel der Liebe über Gahan kommt, hört es sich an wie eine Begegnung mit dem Leibhaftigen. Daher wundert es einen auch nicht weiter, dass der Sänger wie Nick Cave in bester Exorzistenlaune klingt, bevor er in einer lauten verhallenden Refraingischt hell um ewigen Schlaf fleht.

Klar gibt es auch den einen oder anderen Hänger wie „Child Inside Me“, in dem die Spannung abschlafft. Die fallen aber im Ganzen dieses höchst erfreulichen Alterswerks nicht weiter ins Gewicht. „Delta Machine“ ist auf bestem Niveau kein Meilenstein – und ein ausgezeichnetes Depeche-Mode-Album.

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