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Xenakis' "Keqrops": Der Heros am Klavier

Ueli Wiget und das HR-Sinfonieorchester internpretieren Xenakis' "Keqrops" - und kommen nicht mit einem braven Spannungsbogen daher, sondern türmen die künstlerischen Gegensätze zu einem widersprüchlichen Gebilde.

Das hr-Sinfonieorchester bei einem Konzert in der Jahrhunderthalle in Frankfurt. (Archiv)
Das hr-Sinfonieorchester bei einem Konzert in der Jahrhunderthalle in Frankfurt. (Archiv)
Foto: Sascha Rheker/attenzione

Farben und Formen. Oder: intro- und extravertierte Weltentwürfe. Die Dramaturgie des Forums neue Musik mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks im Sendesaal in der Bertramstraße verlangte nach Polarisierungen; sie konstruierte keinen braven Spannungsbogen, sondern türmte Gegensätze zu einem widersprüchlichen Gebilde. Das Orchester unter der präzisen, mit Übersicht und unexaltiertem Gestus gestalteten Leitung von Franck Ollu hatte die Dialektik des Konzerts verinnerlicht und war mit großem Engagement und ebensolchem Erfolg bei der Sache. Immerhin waren mit Olivier Messians „Offrandes oubliées“ (1930) und Iannis Xenakis’ „Keqrops“ (1986) zwei beträchtlich voneinander entfernte musikalische Eckpfosten im Programm und „mit Achim Bornhoefts „ab72 – landschrift“ und Pascal Dusapins „Go“ (1992) und „Uncut“ (2008/9) aktuelle Stücke, die sich gleichermaßen auf Messiaen wie auf Xenakis berufen können.

Weil Messiaen am Anfang stand, gehörte der Auftakt einem instrumentalen Farbengewitter, vom Orchester mit feinem Strich, genauer Abstufung und Steigerung gestaltet. Was danach mit Xenakis’ Komposition kam, war vor allem eine heroische Tat des Pianisten Ueli Wiget, ein Kampf mit dem und im und gegen das Orchester, ein Wechselspiel der Kraftentfaltung und Zurücknahme, voller rhythmischer Irritationen, heftiger bis eruptiver Bodenerhebungen und wuchtiger, unerbittlich getimter Interventionen. Dass bei all dem nicht ein Haufen monumentaler Einzelteile, sondern ein fließender Werkeindruck entstand, gehörte zu den erstaunlichen Verdiensten derer, die sich dieser Musik angenommen hatten.

Achim Bornhoefts „ab72 – landschrift“, ein Auftragswerk des HR, ist ein klingendes Veränderungsprotokoll mit dominierenden introspektiven Anteilen. Ein Erwachen heiterer und weniger heiterer Empfindungen bis zu einem bestimmten Punkt kumulierter Wachheit und eine Geschichte von dem, was danach kommt, nämlich die langsame Auflösung in Entropie, in selbstgenügsamen Schwebezuständen, mit der kompositorischen Konsequenz, dass am Ende das Orchester, das anfangs das Publikum noch geradezu umgeben hatte, auf einer schwirrenden Klangwolke, produziert mit Fingerreibung auf den Rändern wassergefüllter Gläser, zusammenfindet.

Weniger utopisch, aber kaum weniger teleologisch interpretierten Ollu und das HR-Sinfonieorchester Dusapins zwei Kompositionen, die das Konzert beschlossen. Sie kamen einer versöhnenden, vermittelnden und letztlich integrierenden Geste daher – einer Geste, die um die Polarisierungen sehr genau Bescheid weiß. Das signalisiert schon die paradoxe Gattungsbezeichnung beider Werke mit „solo no.1 für Orchester“ und „solo no. 7 für großes Orchester“. Dusapins Musik ist ein Versuch über die felsig gefügten, komplex konstruierten Fundamente eines Xenakis ebenso wie über die konstruktive, im Formbewusstsein diffizil entwickelte Farbigkeit eines Messiaen. Und eine ganz eigene Konsequenz aus beidem.

Das Konzert ist in hr2-kultur sowie als Livestream unter www.hr2-kultur.de am 1. Februar, 20.05 Uhr zu hören.

Autor:  Hans-Jürgen Linke
Datum:  23 | 1 | 2011
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