Daniel Ebel trägt jetzt Rotzbremse. Noch ist der Schnurrbart dünn, ein Schnurrbärtchen eher, aber doch ein Zugeständnis an den Zeitgeist. Immerhin: Das bisher einzige. Denn als Rapper und unter seinem Künstlernamen Dendemann ist Daniel Ebel immer noch und bis auf weiteres: Einer der besten dieses Landes.
Das scheint eine relativ simple Aussage. Sie entpuppt sich aber, hört man das neue Album von Dendemann, als recht kompliziert. Denn "Vom Vintage verweht", so der Titel des Werks, ist, findet nicht nur der Urheber selbst, eigentlich keine Rap-Platte. Sondern, bemüht sich der Schnurrbartträger um eine möglichst steife Definition: "eine deutsche Platte aus dem Bereich Pop/Rock". Einerseits. Andererseits wird auf ihr gerappt.
Das Album: "Vom Vintage verweht" (Yo Mama's/ Four Music/ Sony).
Die Tournee : 28.4. Bremen, 29.4 Hamburg, 30.4 Münster, 1.5 Köln, 2.5 Heidelberg, 3.5 Frankfurt am Main, 6.5 Stuttgart, 7.5 München, 8.5 Freiburg, 9.5 Düsseldorf, 10.5 Saarbrücken, 11.5 Würzburg, 12.5 Berlin
Und das, natürlich, wieder mal auf allerhöchstem Niveau. Es mag andere Rapper geben, deren Sprachfluss eleganter ist. Es gibt auch ein paar, die abstrusere Sprachbilder produzieren. Aber es gibt keinen, der der deutschen Sprache solch handwerklich perfekt konstruierte Reime abtrotzt, die zudem noch wie selbstverständlich die Balance zwischen Witz und Reflexion finden. Der 35-jährige Hamburger behauptet in dieser Hinsicht eine einsame Stellung.
"Stumpf ist Trumpf" vom Album "Vom Vintage verweht" von Dendemann
Ist ja auch nicht schwer: Bushido oder Sido, der Gangsta-Rap, der auf Schockeffekte setzt und US-amerikanische Klischees platt imitiert. Oder Phänomene wie Die Atzen, die zwar aus dem Rap kommen, aber heute hemmungslos den Ballermann bedienen. Dendemann selbst spielt längst nicht mehr auf den klassischen Rap-Festivals wie Splash oder HipHop Open, sondern vornehmlich in Jugendzentren und Clubs, in denen sonst eher Rock- und Indie-Bands auftreten.
Unfallfreies Deutsch
In "Nesthocker", dem Eröffnungssong des Albums, beschreibt Dendemann diese Situation in seinem "Heim" HipHop, das zu einem "Parasitenhotel" verkommen ist. Damit will, wer halbwegs unfallfrei deutsche Wörter zu Reimen zusammenbauen kann, nichts mehr zu tun haben. Weshalb nun auch Dendemann eine Teilflucht beschlossen hat: "Ich hinterlass das Haus gerockt, aber besenrein".
Und prompt im Paradoxon gelandet ist: Dendemann hat zwar zuerst, ganz klassisch für den HipHop, seine Songs aus Samples im Computer entworfen. Doch mit diesen Tracks ging er dann zu Moses Schneider. Der produziert vornehmlich Rock und hat sich vor allem für seine Arbeit mit den Beatsteaks und Tocotronic einen mittlerweile nahezu legendären Ruf erarbeitet.
Schneiders Arbeitsweise ist in Deutschland einmalig: Die Musiker spielen nicht wie üblich alle getrennt ihre Parts ein, die dann am Mischpult nachträglich zusammengesetzt und synchronisiert werden. Schneider stellt die ganze Band zusammen in einen Raum, lässt sie tagelang üben, arbeitet Stunden am Gesamtklang und nimmt dann, während er dabei herumfuchtelt wie ein Dirigent, alle Instrumente und Stimmen gleichzeitig und meist in wenigen Versuchen auf.
Schneider engagierte eine Band, die Dendemanns am Rechner entstandene Beats in klassischer Rockbesetzung nachspielte. Begleitet von Schlagzeug, Gitarre und Bass rappte Dendemann alle 13 Stücke des Albums live ein, und das oft im ersten Take. Es war auch eine Methode, dem für seine Fähigkeiten auf der Bühne berühmten Dendemann eine Energie zu entlocken, die er bei seinen letzten Studioaufnahmen bisweilen vermissen ließ.
Wortspiele werden Gedichte
Dort fühlte sich der Fisch so wohl, dass ihm sein wohl bestes Album gelungen ist seit "Gefährliches Halbwissen", dem vor elf Jahren stilbildendenen Debüt von Eins, Zwo, Dendemanns Band mit DJ Rabauke. Das liegt auch daran, dass Dendemann seinen schrägen Humor nicht verloren hat, aber langsam aber sicher zum Songschreiber gereift ist. Er kann immer noch in atemberaubenden Tempo zunehmend absurdere Wortspiele aneinanderreihen, aber mittlerweile eben auch Erfahrungen und Beobachtungen so verarbeiten, dass seine Texte eine allgemeingültige Wirkung entfalten können, dass sie zu Gedichten werden. Oder anders gesagt: Um Dendemann zu verstehen, muss man keine Ahnung von HipHop haben.
Wer aber Ahnung hat von HipHop, der wird wieder einmal feststellen, welch begnadeter Wortschmied hier droht, dem Genre verloren zu gehen. Denn noch bewegt sich Dendemann zwischen den Welten und leistet sich einen Zwitter wie "Vom Vintage verweht", der einerseits ganz eindeutig Rock ist, aber eben auch zweifellos Rap. Noch. Doch bald, sehr bald, könnte dem Poeten Dendemann das Korsett HipHop endgültig zu eng werden.