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Deutscher Techno: Transatlantischer Atem

Deutsche Elektronik, German Electro, ist für zur globalen Marke geworden. Trotzdem träumen die deutschen Techno-Alben der Greie Gut Fraktion und von Efdemin vom Blues. Von Tobi Müller

Auf der Mayday in den Westfalenhallen legten mehr als 50 DJ's auf.
Auf der "Mayday" in den Westfalenhallen legten mehr als 50 DJ's auf.
Foto: dpa

Geschichte und Überbau dieser zwei Platten aus der deutschen Elektroproduktion sind auf den ersten Blick sehr verschieden. Gudrun Gut, die Grande Dame der Berliner New Wave, geht mit der in Finnland wohnhaften Antye Greie eine künstlerische Long-Distance-Beziehung ein. Sie sampeln Geräusche von Bohr- und Baumaschinen, um diesen männlichen Lärm in Echoräumen, Rhythmusschienen und mit Flüsterstimmen zu feminisieren. Fern erscheinen die Einstürzenden Neubauten, wo Gudrun Gut 1980 mitspielte. Und dann der deutlich jüngere Philipp Sollmann, der als Efdeim sein zweites Album "Chicago" nennt. Das ist geschmackvoller Minimal Techno von einem DJ, der die Clubs dieser Welt von innen kennt. Und doch, diese zwei Alben eint vieles.

Deutsche Elektronik, German Electro, von atlantischen Luftwurzeln beatmet, ist für manche Künstler zur globalen Marke geworden. Am Ende träumt diese abstrakte Musik doch von Blues und Jazz. Wenn auch sehr verfeinert. Bei der Greie Gut Fraktion stehen zunächst die deutschen Wurzeln im Vordergrund. Beim Spiel mit dem Baulärm, aber auch bei der Single "Wir bauen eine neue Stadt", einer Coverversion des NDW-Klassikers von Palais Schaumburg 1982. Greie und Gut wechseln sich ab mit deutschem und englischem Gesang, und im Refrain machen sich die Blue Notes breit. Die New Wave von damals hätte noch den Teufel getan, soviel Soul zuzulassen. Und jetzt, auf einem Greie/Gut-Track wie "Mischmaschine", wird abermals hörbar, wie sehr Techno das Bluesverständnis der deutschen Clubmusik geschärft hat.

Archivanreicherung

Der erste Schritt des Techno zum Blues oder Jazz verläuft über die Akustik, neue Tonquellen, andere Klangkörper, über Archive, die weit zurückreichen . Seit ein paar Jahren ist dieser Trend nicht mehr zu überhören. Elektronische Produzenten packen wieder die Mikfrone aus, bestellen Musiker oder nehmen selbst Instrumente in die Hand. Oder eben Baumaschinen.

Philipp Sollmann alias Efdemin ist nicht der erste, der merkt, dass Plattenspieler und Computer ihre Grenzen haben. Doch Efdemins "Chicago" bringt den Stand dieser transatlantischen Sehnsuchtsdinge besonders fließend auf den Begriff. Die Stadt Chicago im Titel bezeichnet zwar einen mythisch überhöhten Ursprungsort der Dance Music, aber Chicago ist auch eine Jazz- Metropole.

Während die europäischen Produzenten Techno lange für eine Musik ohne Geschichte und nach 1989 für eine Bewegung des radikalen Anfangs hielten, sahen das amerikanische Künstler selten so: Techno und House haben afroamerikanische Wurzeln. Das Blues-Kontinuum maninfestiert sich bei Efdemin nicht in Formeln, sondern in Sounds. Man könnte auch sagen: In Räumen. Man hört viel helle, aber spärliche Perkussionen auf diesem Album, leise Becken, aber auch die trockenen, und doch echoseligen Trommeln und tiefen Basspauken. Efdemin soll ursprünglich im Sinn gehabt haben, auf diesem Album auch zu singen (er hat sich dann aber nicht getraut). Es wäre folgerichtig gewesen: Denn jeder Weg zum Klang der Dinge führt über die Stimme.

Und wer seine Musik räumlich denkt, kommt am Atem nicht vorbei. Am Beat. Sowohl Efdemin wie die Greie Gut Fraktion machen Musik, die atmet. Obwohl sie aus den Klubs kommt, taugt sie nicht dafür. Das ist Techno, der mehr erzählt als handelt. Epischer Techno.

Greie Gut Fraktion: Baustelle (Monika / Indigo)Efdemin: Chicago (Dial / Kompakt)

Autor:  Tobi Müller
Datum:  21 | 6 | 2010
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