Wir sind Jahrmilliarden Jahre alter Kohlenstoff, schrieb und sang Joni Mitchell in ihrem Song "Woodstock", und vielleicht ist es auch die Unüberschaubarkeit dieses Zeitraums, die uns nötigt, uns in die überschaubaren Strukturen des Dezimalsystem einzuklinken: 40 Jahre Woodstock, 50 Jahre Miles Davis´ "Kind of Blue", 60 Jahre "Birth of The Cool" etwa, auf dass bedeutende Jahrestage nicht ungehört vorbei gehen.
Vergleichsweise dezent ging das ebenfalls dezimal gerundete 40. Deutsche Jazzfestival im Sendesaal des Hessischen Rundfunks mit dem Jubiläum um. Ein zurückhaltendes Flower-Power-Farbenspiel auf der rückwärtigen Bühnenwand genügte für die Optik, während auf der Bühne nacheinander Aldo Romanos Flower Power Trio, die World Saxophone Quartet Experience und die Bigband des Hessischen Rundfunks nach Woodstock zurück lauschten - in einer jeweils neu abgewogenen Mischung aus Faszination und Distanz. Während Romanos Trio Songs wie Dylans "Tambourine Man" oder William Moses Roberts´ "Hey Joe" von innen heraus in einen elaborierteren musikalischen Kontext aufnahmen, ging das World Saxophone Quartet, ergänzt um Lee Pearson am Schlagzeug und Jamaladeen Tacuma am E-Bass, den Weg einer Konfrontation.
Das Ausgangsmaterial aus Jimi Hendrix´ Repertoire wurde nicht durch den verfremdenden Wiedererkennungswolf gedreht, sondern einer echten Belastungsprobe unterzogen. Während vor allem der vitale und umwerfend variabel artikulierende David Murray immer wieder weite Ausflüge ins Freie unternahm, sorgte Tacuma am Bass dafür, dass der Geist der Hommage dem der Ironie nicht von der Seite wich. Und Schlagzeuger Lee Pearson unternahm sogar einen subtilen Ausflug in die historische Aufführungspraxis, als er Hendrix´ Gitarrenmätzchen (mit den Zähnen oder hinterm Rücken spielen) mit gekonnten, rhythmisch unauffälligen Verrenkungen karikierte.
Michael Philipp Mossman, David Sanborn dagegen und die HR-Bigband verfolgten eher das Programm einer Neubelebung. Mossman hatte Stücke des Woodstock-Überraschungs-Stars Carlos Santana für die Bigband arrangiert, als Solist war kein Gitarrist (außer dem Bigband-Gitarristen Martin Scales, der wiederum traumhaft stilsicher und souverän zwischen Hommage und eigenständigem Zugang changierte), sondern der Woodstock-erfahrene Saxofonist Sunborn geladen worden, und die Santana-Hommage verlief zur tiefen Zufriedenheit selbst der allerkritischsten Santana-Fans.0
Das zweite Nostalgie-Thema des Festivals, die Birth-of-the-Cool-Hommage des Joe Lovano Nonets nahm demgegenüber einen weniger auffälligen und weniger erfolgreichen Verlauf. Und der klamaukig forcierte Humor der Schweizer Formation "Kaspar Ewalds Exorbitantes Kabinett" erweckte zuweilen den Eindruck einer Unterprimaner-Version des guten alten Willem Breuker Kollektiefs, dessen nächstes dezimales Jubiläum allerdings noch bevorsteht. Sehr ordentliche, im Festival-Kontext gleichwohl etwas untergehende Auftritte hatten die Karma Jazz Group der Frankfurter Jazz-Stipendiatin Natalya Karmazin, Klavier, und das Quartett der beiden Tenorsaxofonisten Ellery Eskelin und David Liebman.
Die Höhepunkte des Festivals waren erwartungsgemäß in dessen themenfreiem Sektor zu finden. Den ersten lieferte die HR-Bigband. Joachim Kühn, der zuletzt mit einer bemerkenswerten Einspielung mit seinem aktuellen Trio (Majid Bekkas, Gesang, Ud und Guembri, Ramon Lopez, Schlagzeug) und nordafrikanischen Musikern aufhorchen ließ, hatte Material von diesem Album für die Bigband umgeschrieben.
Unter der Leitung von Örjan Fahlström zeigte sich die enorme Qualität und Sensibilität von Kühns kompositorischer Arbeit und der beeindruckende Stand der Spielkultur bei der HR-Bigband. Kühns Arrangements gaben der Band ihren Platz, ohne (etwa durch leichtfertige Mehrstimmigkeit) die heiklen klanglichen Muster der mediterran-nordafrikanischen Idiomatik bersten zu lassen. Die Musiker der Band zeigten sich ungemein inspiriert von diesem anspruchsvollen Kontext, und Kühns Trio trat wie ein e kompakte solistische Insel im Kollektiv der Band auf, zurückhaltend und mit hinreißender klanglicher Intelligenz inszeniert. Ein in jeder Phase und in jedem Parameter erstaunlich gelungenes Projekt.
Mit dem zweiten Festival-Höhepunkt kam Anthony Braxton auf die Bühne, mit seinen 64 Jahren der Jüngste unter den noch praktizierenden großen US-amerikanischen Sechziger-Jahre-Avantgardisten. Braxton hatte die Gitarristin Mary Halvorson und den Kornettisten Taylor Ho Bynum aus der kreativen jüngeren Szene des New Yorker Stadtteils Brooklyn mitgebracht und zelebrierte mit ihnen seine wie eh und je zugleich magnetischen wie abstrakten Klanggebilde, überraschende Zusammenschlüsse divergierender Klang-Moleküle zu langen Ketten und komplexen materialballungen, notiert wie chemische Formeln. Braxtons Beweglichkeit und Innovationspotenzial scheint ungebremst, und seine beiden Mitspieler zeigen große Vertrautheit mit den strategisch angelegten Improvisationsräumen. Rückbesinnungs-Halteseile, Nostalgie-Luftballons braucht hier niemand. Hier geht es einfach weiter, unbeirrt und voller produktiver Umwege.