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Deutschpop: Genau zur richtigen Zeit

Jochen Distelmeyer hat so richtig Bock auf primitive Musik für primitive Verhältnisse. Die Wiener Band "Ja, Panik" kommt mit ambitioniertem Dada daher. ( mit Videos)

Ja, Panik und Jan Distelmayer.
Ja, Panik und Jan Distelmayer.
Foto: FR/

Die Sache mit dem Sinn ist ein Problem. Jochen Distelmeyer umgeht sie geschickt. Er tut das stets höflich, etwas steif und dezent reserviert, sehr norddeutsch eben. Er spricht langsam, mit länglichen Denkpausen, damit die verschachtelten Sätze auch ihren semantisch korrekten Abschluss finden. Man merkt: Er sucht, er tastet selbst nach Antworten darauf, was die Texte auf seinem Solo-Album "Heavy", dem ersten nach dem Ende seiner Band Blumfeld, bedeuten sollen. Geht es um die Finanzkrise, wenn es in "Regen" heißt: "Ich gehe durch die Straßen ohne Gott und ohne Geld"? Reagiert Distelmeyer auf tagesaktuelle Begebenheiten, wenn er singt vom "Komasaufen unterm schlechten Stern"? Am Ende bleibt der Eindruck: Distelmeyer verweigert zwar nicht direkt die Aussage, verwinkelt seine Antworten allerdings so geschickt, dass kaum mehr bleibt als wohlmeinende Diffusion.

Anderswo liegt die Sache mit dem Sinn auf der Hand. In Wien beispielsweise. Von dort stammen Ja, Panik. Und sie haben ihr Album nicht umsonst "The Angst And The Money" genannt. Gleich im ersten Song "Alles hin, hin, hin" singt Andreas Spechtl: "Ohne Geld keine Angst/Ohne Angst kein Geld". Sofort anschließend dann: "Eine Welt ist aus Zucker, doch meine Welt ist immer aus Dreck". Dann, in Song Nummer Drei: "Die Luft ist dünn, der Nebel steht mir bis zum Kinn". So geht das fröhlich weiter und hier darf man nicht nur, hier muss man davon ausgehen: Es geht um das Hier und Jetzt, um einen Planeten am Abgrund, um Gesellschaften, deren Frieden brüchig wird, um die neue Armut der Kreativen.

Die Alben

Jochen Distelmeyer: "Heavy" (Columbia/ SonyBMG)

Ja, Panik: "The Angst and the Money" (Staatsakt/ Rough Trade).

Wo man auch hinblickt: Diese beiden Alben werden diskutiert. Sie werden analysiert und hinterfragt, nach Aussagen durchforstet, danach abgeklopft, ob sie etwas zu sagen haben zu dieser, unserer Zeit. Im einen Falle, weil das bei Distelmeyer halt schon immer so war, weil man von ihm Luzides schon aus Prinzip erwartet. Im anderen, weil hier sehr offen propagiert wird, ein Erbe aufzugreifen: Das der Hamburger Schule, die nicht zuletzt ein gewisser Jochen Distelmeyer entscheidend prägte. So bringt dieser Herbst nun also nicht nur zwei wichtige deutschsprachige Platten. Sondern auch einen Blick auf: Vergangenheit und Zukunft des Diskurs-Pop.

Die Vergangenheit will davon allerdings nicht mehr so recht was wissen. Jochen Distelmeyer, 42 Jahre alt inzwischen und Vater eines vierjährigen Sohnes, sitzt an einem der letzten wirklich warmen Tage des Sommers auf dem Balkon seiner Plattenfirma, raucht ziemlich viel und sagt, er sehe sich "als Songwriter, Sänger und Gitarrist", vor allem eben "als Musiker". Was heißen soll: Die ihm in den letzten beiden Jahrzehnten von der an intelligenter Popmusik interessierten Öffentlichkeit zugewiesene Rolle als Säulenheiliger, dessen Texte bisweilen mit dem Eifer einer Bibelexegese interpretiert wurden, die habe er nicht vor weiter auszufüllen. "Ich mach einfach nur Musik", sagt er.

"Lass uns Liebe sein" vom Album "Heavy" von Jan Distelmeyer

Zum Orakel, wenn auch nur seiner selbst, allerdings taugt er schon. Immerhin verkündet er, mit dem Ende von Blumfeld vor zwei Jahren seien nun gewisse "Fragen spiritueller oder vielleicht auch politischer Art" abgeschlossen und er sei nun dabei, sich "auf neue Wege oder andere Richtungen zu begeben". Eine dieser Richtungen ist der offensichtliche Drang wieder kraftvolle Rockmusik zu machen, die auf "Heavy" mit den von den späten Blumfeld bekannten, fast schon schlagerhaften Balladen konkurriert, und die Distelmeyer erklärt mit der Formel: "Ich hatte Bock auf primitive Musik für primitive Verhältnisse".

Doch schon welche Wege er vorhat inhaltlich zu beschreiten, das ist kaum zu erfragen. Ein Interview mit dem aktuell wohl bedeutendsten deutschen Liedschreiber dient, so scheint es, vor allem zur Verstärkung einer geheimnisvollen Aura. Indem er sein Schaffen zwar als "Werkkörper" bezeichnet, darüber aber eher in Rätseln spricht, indem er "meine Weltwahrnehmung, mein Zeichensystem" für sich reklamiert, aber nicht in die Entschlüsselung desselben einsteigen möchte, hat Distelmeyer nicht unwesentlich zur Etablierung einer Kunstfigur Distelmeyer beigetragen. Wenn Distelmeyer das formuliert, klingt das natürlich anders. "Ich bin auf dem Weg", sagt er, "indem ich mich zu mir und meinem Eigennamen bekenne."

"Alles hin, hin, hin" aus dem Album "The Angst and the Money" von der Band Ja, Panik

Ja, Panik dagegen stehen noch am Anfang. Da sind fünf vergleichsweise junge Menschen noch auf der Suche. Und vielleicht deshalb ja jetzt auch nach Berlin umgezogen, wo Spechtl eine Aufbruchstimmung entdeckt hat. In seinen Liedern singt er davon, dass er "rasend wild" ist, dass er "ungeschickt ist like a rich man´s child". Und dem Videoclip zu "Alles hin, hin, hin" haben sie ein von Gitarrist Thomas Schleicher unter gelegentlichem Kichern vorgetragenes, gut fünfminütiges Manifest vorangestellt, in dem Worte fallen wie "Strategie" und "Vorzeichen", Formulierungen wie "Tyrannei der Gegenwart", Sätze wie "Wir sind reine Differenz. Die Substanzlosigkeit ist unsere Substanz".

Das ist vor allem Dada, natürlich, aber darin heißt es auch: "Wir werden nichts erklären, nichts begründen". Das würde ein Distelmeyer niemals sagen. Er tut es einfach. Ja, Panik dagegen versuchen in ihrem durchaus jugendlich zu nennenden Drang, alles abzudecken: Kunstvoll zu sein und doch auch Unterhaltung, über die Liebe zu singen und auch ihre gesellschaftliche Bedeutung, über Politik etwas zu sagen, aber doch nicht zu offensichtlich, alles zu sagen und zugleich doch nichts.

Dazu spielt die Band einen hektischen, eckigen Schrammelrock. Mit dem erinnern Ja, Panik auch musikalisch an die Aufbruchstage der Hamburger Schule, als Die Sterne, Tocotronic oder eben Blumfeld mit ungestümem Pop die existentiellen Fragen stellten. Ja, Panik reaktivieren diese Ideen nicht nur, sie aktualisieren sie auch. Es gibt die Hamburger Schule nicht mehr, sie ist nur in Gegenwart angekommen.

Schlussendlich bleibt ein Fazit, das so simpel wie einleuchtend ist, und vielleicht auch etwas frustrierend. Denn die Sache mit dem Sinn ist wohl vor allem: Eine Frage des Zeitpunkts.

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  24 | 9 | 2009
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