Kann, nein, will man sich noch daran erinnern, wie die britischen Bubenbands Oasis und Blur einen Wettstreit austrugen, der jenen der Beatles und der Stones wiederholen sollte? Tiefste Neunziger. Erstaunlich ist weniger der Kampf als der eine Kämpfer. Wie bitte soll der Oasis-Bierrock, bestehend aus zwei guten und zweihundert ähnlichen Songs, mit Blur mithalten? Mit diesem so stilsmarten wie zeitsensiblen Werk? Vermutlich liegt die Ungläubigkeit nicht nur am Klassenunterschied, sondern auch am nachfolgenden Weg des Blur-Sängers.
Damon Albarn hat es als einer der wenigen Popstars geschafft, sich nach dreißig noch einmal neu zu erfinden, um dann erst recht bedeutend zu werden. Seit 1998 unter anderem mit den Gorillaz, die er mit dem Comiczeichner Jamie Hewlett erfunden hat. Die Bilder beschwören zwar eine halb ernste, halb lustige Endzeitstimmung. Doch die Musik ist karibisch cool, scheinbar streetnah und stilistisch von großer Lebendigkeit. Auf diese Apokalypse darf man sich freuen, besonders wenn sie Brian Burton produziert, der Pop-Psychedeliker von Gnarls Barkley. "Plastic Beach", das neue Gorillaz-Album, treibt das jetzt alles auf die Spitze.
Akustische Filmlandschaft
Die Erzählung auf "Plastic Beach" kündet von einer gestrandeten Zivilisation. Doch die Musik erzählt etwas völlig anderes. Schöne Zukunft, denn man kann sich dort Orchester mit Streichern und Bläsern leisten, um mal eben eine knappe Minute akustische Filmlandschaft aufzunehmen. Nein, da wird nicht alles herbeigesamplet, man holt auch die Mietmusiker aus Damaskus zur Handarbeit ins Studio. Die Liste der Gastrapper und - sänger erscheint als Parodie auf den All-Star-Kult, allerdings mit dem ausdifferenziertem Geschmack des Hipsters: Mos Def, Bobby Womack, Snoop Dogg für die Soul-Kredibilität, Lou Reed oder auch Mark E. Smith für die gebleichte Postpop-Lyrik.
Diese Platte hat Muskeln, bleibt aber locker. Das klingt nach Lässigkeit, als würde man ein bisschen auf der Resterampe rumstehen, obwohl jeder weiß, dass man sich gerade beim Juwelier eingeschlossen hat. Und zwischendurch spielt man da auch wieder jene erwachsenen Kinderzimmer-Vignetten, die Blur immer vor rockistischem Ernst bewahrten.
"Plastic Beach" festigt Albarns Status als einer der wichtigsten Protagonisten zeitgenössischer Popmusik auch deshalb, weil er selbst den Pflug führt, der diese Kunst neu bestellt. Ob dieses Feld nachhaltig trägt oder nicht, ist noch nicht zu sagen. Die Zeit der Super Groups ist, künstlerisch jedenfalls, vorbei. Was Albarn hier zeigt, ist eine Vielzahl von gleichzeitigen Entwürfen, Projekten, Kollaborationen - auf höchstem Niveau. Finanziell, klar, aber auch ästhetisch, weil es diesem Unterspanntheitserotiker gelingt, gerade im Pastiche sein künstlerisches Sein erkennbar zu gestalten.
Ob man dieses Prinzip gut findet, ist eine andere Frage. Vielleicht ist es aber eine Frage nach Realität. Denn wer glaubt, lebenslang Anrecht auf einen deutschen Tarifvertrag zu haben und dann die sichere Pension im Resort zu versaufen, darf ruhig noch ein wenig AC/DC oder auch Status Quo hören.
Gorillaz: Plastic Beach, EMI.