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Dieter Schnebel: Gedehnte, befreite Zeit

In der Identität des Nichtidentischen sah er stets seine Bestimmung: Der Komponist Dieter Schnebel kann am Sonntag seinen 80. Geburtstag feiern. Jürgen Otten gratuliert.

Dieter Schnebel.
Dieter Schnebel.
Foto: Stefan M Prager/imago

Für ihn kann ein Fragment Friedrich von Hardenbergs gelten, der sich Novalis nannte und die Kunst ins Leben locken wollte, um das Leben erträglicher zu machen: "Ich gleich Nicht-Ich - höchster Satz aller Wissenschaft und Kunst". Darin, in der Identität des Nichtidentischen, hat Dieter Schnebel stets seine Bestimmung gesehen. Ein Dialektiker also. Nie sollte man außer Acht lassen, dass Schnebel nicht nur als Komponist und Publizist weithin wirksam geworden ist, sondern auch als Theologe und Pädagoge. "Kunst machen und Kunst vermitteln, das muss eng verbunden sein", formulierte er früh sein Selbstverständnis.

Schnebel war Pfarrer, Gymnasiallehrer (für Religion und Musik), schließlich Dozent für experimentelle Musik und Musikwissenschaft an der Berliner Hochschule der Künste. Das Komponieren war für ihn bis zur Emeritierung 1995 eine "Freizeitbeschäftigung". Damit schuf er sich ein hohes Maß an Unabhängigkeit vom Betrieb, den er bis heute mit Argusaugen betrachtet. Denn die Freiheit, nicht nur die des Komponisten, sah er immer in Gefahr.

Der 1930 Geborene ist ein Kind seiner Zeit: politisiert durch die Zeitläufte und das Denken darüber. Er votiert, kaum dass er sich bemerkbar gemacht hat, für den politischen Gehalt des hermetischen Kunstwerks und dafür, dass es nötig sei, sich von verdinglichten Strukturen zu emanzipieren.

Die Autonomie der Kunst muss für Schnebel immer verbunden sein mit ihrer Freiheit. Und so verfolgt sein Komponieren, so ästhetisch unterschiedlich seine Phasen auch immer sein mögen, durchgängig das Ideal einer Enthierarchisierung von und durch Kunst: Das Werk benötigt keine Assoziations-Kommandos, keine Ge(h)-hilfen.

In "visible music I" etwa wird das Herrschaftsverhältnis zwischen Dirigent und Orchester in Frage gestellt. Da ist keiner mehr, der bestimmt, was die Anderen machen. Oder ": ! (madrasha 2)" für drei Chorgruppen, wo die Ausführenden geradezu zur Unanständigkeit des Ausbrechens gedrängt werden. Profundestes Beispiel dieser Haltung ist das Projekt "glossolalie", das - indem es die Partitur suspendiert und damit den Interpreten in den Stand des gleichberechtigten Schöpfers versetzt - pointiert die ideologischen, gesellschaftspolitischen und ästhetischen Zerreißproben des Jahrzehnts reflektiert.

Schnebel bleibt hier nicht stehen. Er geht weiter, lässt sich von Fluxus, von Cage und La Monte Young anregen (nicht vereinnahmen), befragt schließlich den Klang selbst, den physiologischen, psychologischen und zerebralen Prozess seiner Erzeugung. Eines der bezwingendsten Resultate ist das Opus "Maulwerke", ein Kompendium menschlichen Artikulierens: Atemzüge, Kehlkopfspannungen, Gurgelrollen, alles Ursprüngliche ist darin enthalten. Und wie als Motto der von Bloch übernommene Satz: "Die Formen gehen einzig aus dem Stoff selber hervor". Mit solchen Methoden greift Schnebel das bürgerliche Zeremoniell Konzert an. Ein Provokateur ist er deswegen nicht. Seine Musik will nicht das Fremde sich einverleiben, sondern sich dem Fremden hinzufügen, Beziehungen zu anderen akustischen Bezirken aufnehmen. "Es gilt die Augenblicke zu formulieren, darin Geschichte einzig noch erscheint", heißt es in seinem Stockhausen-Essay. Musikgeschichte, verstanden nicht als zeithistorisches (negatives) Kontinuum, sondern als fortwährender Gestaltungsprozess. Und: als Vergegenwärtigung des Hörens selbst, wobei dieses für Schnebel nie nur ein intellektuelles war, sondern die Freisetzung der Gefühle im Medium der Musik durch Mimesis impliziert.

Auch in seinem opus summum, der mehrstündigen "Sinfonie X", strebt Schnebel nach Ausdehnung. Es dehnt sich der Klang, es dehnen sich Zeit und Raum, es dehnen sich die Begriffe "Tradition" und "Avantgarde", zwischen denen Schnebel nie unterschieden hat; sie zählen nur gemeinsam. Beispielhaft hierfür steht die "Sinfonie X": Formal eine Chorsymphonie, doch Schnebel selbst ist die Gattung Projekt, ein Entwurf, der weiterer Ausführung harrt.

Morgen, Sonntag, feiert Dieter Schnebel seinen 80. Geburtstag. Es ist anzunehmen, dass er gerade an diesem Tag zu seinem Wort steht: dass es in dieser Welt irgendwo doch Schönheit geben müsse. "So beschissen wie´s aussieht, darf es einfach nicht bleiben", hat er seine verzweifelte Hoffnung einmal zu Protokoll gegeben. Nun, beschaut man die Welt, wie sie ist, scheint der Wunsch vorerst Utopie. Aber, und das weiß auch der Marxist Schnebel, erst eine Utopie ermöglicht ihre spätere Verwirklichung. In der Kunst. Und im Leben.

Autor:  Jürgen Otten
Datum:  13 | 3 | 2010
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