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Dirigentenstreit: Jasager und Neinsager

Zwei Berliner Dirigenten üben die Kunst des Pokerns: Methmacher vom Deutschen Symphonie-Orchester und Zagrosek vom Berliner Konzerthausorchester drohen mit Rücktritt, weil ihnen die Budgets zu knapp sind.

Ingo Metzmacher (links), Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters und Lothar Zagrossek vom Berliner Konzerthausorchester haben beide mit Rücktritt gedroht.
Ingo Metzmacher (links), Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters und Lothar Zagrossek vom Berliner Konzerthausorchester haben beide mit Rücktritt gedroht.

Daniel Barenboim ist in Kairo. Er hat dort soeben sein erstes Konzert gegeben und ist vom Publikum gefeiert worden. Vor dem Auftritt hatte es, auch unter Intellektuellen des Landes, heftige Diskussionen darüber gegeben, ob Barenboim ein erwünschter Künstler sei. Viele Ägypter lehnen (leider) eine Normalisierung der Verhältnisse zwischen sich und dem israelischen Staat ab, wegen der Besetzung der palästinensischen Gebiete.

Da Daniel Barenboim Jude ist, haben manche von ihnen ein Problem mit ihm. Anscheinend wissen sie nicht, dass gerade Barenboim zu den schärfsten Kritikern der israelischen Besatzungspolitik zählt und zudem mit seinem West Eastern Divan Orchestra alles Erdenkliche unternimmt, um den Dialog zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn in günstigere Gewässer zu leiten.

Das sind die großen, die echten Sorgen. Die kleinen Sorgen werden derzeit in Berlin verhandelt, in einigermaßen bizarrer Manier. Zwei Dirigenten haben kurz hintereinander erklärt, dass sie ihren Vertrag nicht verlängern werden, weil die Bedingungen für ihre künstlerische Tätigkeit nicht ausreichend gut seien, um wenige Tage darauf zu erklären, sie könnten sich durchaus vorstellen, diese Arbeit fortzusetzen.

Den Anfang machte Ingo Metzmacher, Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO). Vor Wochenfrist düpierte er seine Vorgesetzten, die vier Gesellschafter der Rundfunkorchester- und Chöre GmbH, mit der zuvor nicht abgesprochenen Botschaft, er werde am Ende der Spielzeit 2010 sein Amt niederlegen, weil der ihm vorgelegte Finanzplan für 2010 "völlig inakzeptabel" sei. Der Plan sieht eine weitere Stellenreduzierung beim DSO vor. Statt der eigentlich festgeschriebenen 114 sollen es demnach nur noch 103 Stellen sein - was insofern nicht einer gewissen Ironie entbehrt, als gegenwärtig ohnehin nur 98 Musikerstellen besetzt sind.

Natürlich gab es einen Aufschrei der Empörung. Metzmacher hatte sein Amt als Nachfolger Kent Naganos erst in der Saison 2007/2008 angetreten und gleich in der ersten Spielzeit einige programmatische Fixsterne montiert. Man hatte wieder Lust gehabt, in Konzerte dieses Orchesters zu gehen, es schien, als gelänge es Metzmacher, in der Hauptstadt einen ästhetischen Diskurs zu entzünden, der über das rein Kulinarische hinaus sogar ins Politische reicht. Die Debatte um Pfitzners Kantate "Von deutscher Seele" bestätigte diesen Eindruck.

Ein Jahr vor Metzmacher war Lothar Zagrosek, der frühere Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart, frohen Mutes nach Berlin gekommen und hatte dort erst einmal ein Orchester umbenannt. Aus dem Berliner Sinfonie-Orchester (BSO) wurde das Konzerthausorchester Berlin. Doch Chefdirigent Zagrosek beließ es nicht bei der Namensänderung, er schärfte gemeinsam mit dem (ohnehin innovativ engagierten) Intendanten Frank Schneider auch das künstlerische Profil des Konzerthauses. Vor allem die Reihe der halbszenischen Opernaufführungen, zuletzt Walter Braunfels' "Die Vögel", sorgte für überregionale Resonanz und bezeugte die gestiegene musikalische Qualität.

Was fehlte, war, trotz gestiegener Auslastung (78,5 Prozent zu Beginn dieses Jahres), Geld. Als Zagrosek, frisch gekürter Träger des Kritikerpreises, am vergangenen Wochenende über seine Agentur mitteilen ließ, er sehe "für eine Fortführung seiner seit drei Jahren von großer öffentlicher Zustimmung begleiteten inhaltlichen Neupositionierung des Konzerthausorchesters keine Perspektive mehr", war er so geschickt, das hässliche Wort zu vermeiden. Er wählte stattdessen den Begriff "fehlende Unterstützung".

Eine moralische oder geistige Unterstützung konnte er kaum meinen. Und so verwunderte es nicht, dass im Rahmen der Jahrespressekonferenz die wahren Hintergründe für den angedrohten und wieder zurückgenommenen Rückzug auf den Tisch kamen. Seit 2002 hat das Orchester, das über keinen eigenen Etat verfügt, sondern aus dem Gesamtbudget des Konzerthauses finanziert wird - 17,6 Millionen Euro, davon sechs Millionen Euro Eigeneinnahmen, 11, 7 Millionen Landesgeld plus Drittmittel -, keine Tarifanpassung mehr erlebt, sprich: Die Gehälter der Musiker sind eingefroren. Die Zahl der Veranstaltungen sinkt deswegen kontinuierlich, Zagrosek wie Schneider haben das mehrfach moniert.

Der nach 18 Jahren freiwillig aus dem Amt scheidende Intendant fasste die Situation süffisant in den Satz, die Behörde sei sein Defizit; gemeint sind natürlich der Kultursenat und ihr Chef, der Regierende Bürgermeister von Berlin und Kultursenator: Klaus Wowereit. Wowereit wiederum, der sich nicht gerne in die Karten schauen lässt (sein Jonglieren mit dem Möglichkeitssinn bei der Frage, wer ab 2011 Intendant der Deutschen Oper wird, belegt es deutlich genug) kann das Gejammer kaum mehr ertragen.

Im Kulturausschuss wehrte er sich jüngst auffällig offensiv: "Bei allen Problemen, die wir in vielen Kulturbereichen haben, hier jetzt einfach nur mehr Geld zu fordern, dazu fehlt mir heute die Fantasie", konterte der Regierende in grammatischer Freizügigkeit. "Man sagt einfach, man braucht mehr Geld, sonst könne man nicht mehr spielen. Aber jeder Kulturschaffende, der im Rahmen der Haushaltsberatung zu mir kommt, sagt, er braucht mehr Geld." In gewisser Weise hat Wowereit mit seiner Invektive sogar Recht. Geld allein macht noch keine Kunst. Und Berlins Kassen sind wirklich nicht eben üppig gefüllt.

Dennoch bemüht man sich seitens der Kulturpolitik um eine Lösung. Anders ist es kaum zu erklären, dass sowohl Metzmacher als auch Zagrosek erst die Posaune auspackten und dann plötzlich sanfte Flötentöne hervorzauberten. Vorwerfen mag man es ihnen nicht. Beide Dirigenten stehen für eine inhaltliche Arbeit, die Förderung verdient. Doch vielleicht sollten beide Künstler das, was sie zu klären haben, intern tun. Und dann zu eine Entscheidung gelangen, die Gültigkeit besitzt. Damit: Glaubwürdigkeit.

Autor:  JÜRGEN OTTEN
Datum:  21 | 4 | 2009
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