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Musik

23. Februar 2015

Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti: Drei Ouvertüren und noch eine

 Von 
Der taiwanesische Dirigent Tung-Chieh Chuang mit dem Frankfurter Museumsorchester.  Foto: Tibor-Florestan Pluto/Alte Oper Frankfurt

Das Finale des Solti-Dirigentenwettbewerbs in der Alten Oper Frankfurt blieb diesmal ohne ersten Preis.

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Ein fairer und plausibler Ausgang: Zwei zweite Preise, ein dritter. Jurysprecher Andrés Orozco-Estrada, Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters, erklärte, zu einem ersten Preis gehöre etwas, das eben nicht immer zu haben sei. „Vielleicht ist uns der Atemstillstand erspart geblieben“, sagte er, eine Formulierung, auf die sich bei Gelegenheit sicher zurückkommen lässt.

Orozco-Estrada erzählte auch die Anekdote des Tages: Er selbst habe sich 2004 für den Preis beworben, sei aber nicht eingeladen worden. „Mein Leben hat sich trotzdem ganz gut entfaltet“, so der 37-Jährige.

Anders als vermutlich im Sport ist in der Musik der Wettkampf auch nicht das, worum es geht. Er ist aber oft genug das Maß der Dinge. Nicht, weil das Publikum so streng wäre, das Publikum ist im Grunde genommen nett. Junge Musikerinnen und Musiker müssen sich jedoch beim Vorsingen und Vorspielen ganz anders exponieren, als es ein herkömmliches Bewerbungsgespräch erfordert. Auch ist das Gewinnen von Wettbewerben nicht direkt Pflicht, aber zu nützlich, um es nicht zu versuchen. So dass sich erneut 367 Bewerber (wie immer wenige Frauen im Feld, etwa zehn Prozent, aber ihre Zahl wachse, hieß es) beim Internationalen Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti anmeldeten.

Alle zwei Jahre wird er in Frankfurt ausgetragen. Den über einige Tage sich erstreckenden Vorrunden folgt das Finale in der Alten Oper, das nicht ausverkauft war, aber sehr gut besucht. Dabei haben die drei Finalisten nur einige Stunden Zeit, sich und die Musiker aufeinander einzustimmen. Das dafür zur Verfügung stehende Museumsorchester ist allerdings so fit, dass man sich fragt, ob es nicht auch ohne Dirigenten zumindest recht weit käme.

Besonnen, sehr besonnen

Die Finalisten hatten jeweils ein Stück zugelost bekommen, alle spielten außerdem Richard Strauss’ „Don Juan“. Zuerst ein bereits mitten im Dirigentenleben und Theateralltag stehender Kandidat: Elias Grandy, 34, Kapellmeister am Staatstheater Darmstadt, von kommender Saison an GMD in Heidelberg.

Seine Erfahrung merkte man ihm an, besonnen, sehr besonnen bahnte er sich den Weg durch Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 2. Manchmal wirkte er hier wie ein Zuhörer, der die Musik seinerseits als etwas erlebt, das gerade wie von selbst geschieht, eine unspektakuläre, aber eindrucksvolle Haltung. Auch im „Don Juan“ zeigte er sich ökonomisch sinnvoll für die großen Linien zuständig und erhielt für eine professionelle, sichere Leistung einen der beiden zweiten Preise.

Ein völlig anderer Typ der 32-jährige Tung-Chieh Chuang aus Taiwan, derzeit Weimar, wo er ein Dirigierstudium absolviert. Er ist bereits Pianist und Statistiker, beides mit Abschluss, und in die Ouvertüre zu Richard Wagners „Fliegendem Holländer“ stürzte er sich mit Verve. Natürlich hatte das Los ihm auch das effektvollere Stück zugespielt. Zur großen Linie gesellte sich nun eine Detailversessenheit, die angesichts der besonderen Situation nicht unbedingt in der Umsetzung zur Geltung kam, aber wohl im mimisch und gestisch lebhaften Auftritt des Dirigenten.

Die drei Finalisten: Tung-Chieh Chuang, 32, Elias Grandy, 34, und Toby Thatcher, 26.  Foto: Tibor-Florestan Pluto/Alte Oper Frankfurt

Auch den „Don Juan“ dirigierte er auswendig, versuchte aber zwischendurch aus nicht recht erfindlichen Gründen, mit dem Umblättern hinterherzukommen. Eine reizende Szene, und Tung-Chieh Chuang ist offensichtlich ein Mann, der einiges zur selben Zeit machen kann. Für einen Auftritt mit genialischen Zügen gab es den anderen der zweiten Preise. Dazu, nicht unerwartet, den erstmals vergebenen Publikumspreis: ein von einem Orchestermitglied zur Verfügung gestellter Dirigierstab Soltis aus dessen Frankfurter Zeit. Ferner hatte der Kandidat bereits einige Groupies.

Der jüngste Teilnehmer, Toby Thatcher, 26, aus Australien, schlug sich gut durch ein Programm, zu dem Antonín Dvoráks opernlose Overtüre Karneval gehörte. Für ihn gab es den dritten Preis. Der Publikumspreisträger übernahm schließlich den Abschlusskracher, den eigentlich der Sieger dirigieren sollte: eine vierte Ouvertüre, die zu Leonard Bernsteins „Candide“.

Die ersten Preise, hatte Wettbewerbsleiter Burkhard Bastuck, Vorsitzender der Museums-Gesellschaft, vorher erklärt, seien für Dirigenten gedacht, die man sich zehn Jahre später an den ganz großen Häusern vorstellen könne. Das leuchtete ebenso ein wie Andrés Orozco-Estradas Geschichte es wieder wohltuend relativierte.

Auf HR2 am 27. Februar, 20.05 Uhr.

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