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05. Dezember 2012

Dracula Lewis: Hundebiss nach Transsilvanien

 Von Jens Balzer
Dracula Lewis am Dienstagabend bei seinem Berliner Konzert. Foto: Votos/Roland Owsnitzki

Dracula Lewis musizierte im Westgermany und präsentierte sein Solodebüt „Permafrost“. Zu somnambul sich dahinschleppenden Rhythmen rappte er mit unablässig modulierter Stimme; manchmal erhoben sich auch funkelnde Synthie-Arpeggien wie von Jean-Michel Jarre.

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Berlin –  

Kürzlich war wieder zu lesen, dass im Zeitalter der digitalen Distribution und Verflüssigung aller überkommenen Institutionen gerade auch im Bereich der popmusikalischen Produktion – man denke nur an das klägliche Ende der einstmals stolzen, nunmehr von Universal Music geschluckten EMI – das klassische Schallplattenlabel keine Rolle mehr spielt.

Was für ein Unsinn! Denn im Feld des sogenannten Underground gibt es eine wahre Blüte neuer Schallplattenfirmen zu erleben, und zwar gerade von solchen Schallplattenfirmen, die sich durch klar definierte, wiedererkennbare, ästhetisch ausdifferenzierte Programme auszeichnen. Man denke an die in dieser Zeitung schon vielfach gepriesenen Not Not Fun Records mit ihrem Nostalgie-zweiter-Ordnung-Pop oder in Berlin an das Post-Diskurspop-Label Staatsakt oder clubzugehörige Tonträgerfirmen wie Ostgut oder Tresor.

Überzogene Beats und Geistergeheul

Mein liebstes Label der laufenden Saison ist aber – schon wegen des schwer schlagbaren Namens – Hundebiss Records, eine kleine fantasievolle Firma, die in einem besetzten Haus in der Nähe von Mailand gegründet wurde und unter anderem von einem aus Transsilvanien stammenden und inzwischen nach Brooklyn verzogenen Alleinunterhalter namens Dracula Lewis betrieben wird. Auf Hundebiss Records erschien seit 2009 zunächst zumeist elektroakustische Krachmusik von Gruppen wie Hair Police oder Wolf Eyes; inzwischen wurde das Spektrum um verlangsamten HipHop mit vocoderverfremdeten Stimmen erweitert, wie man ihn anderswo auch schon als Witch House bezeichnet hat.

In dieses Genre fällt auch die Musik von Dracula Lewis selbst, wie man am Dienstag im Westgermany erleben konnte, wo er sein Solodebüt „Permafrost“ vorstellte. Zu somnambul sich dahinschleppenden Rhythmen rappte er mit unablässig modulierter Stimme; manchmal erhoben sich auch funkelnde Synthie-Arpeggien wie von Jean-Michel Jarre.

Von Genre-Vorreitern wie Salem unterscheidet Dracula Lewis sich eventuell in der mangelnden Konsequenz bei der Inszenierung von Verpeiltheit und Weggetretensein. Dafür überzieht er die Beats und das Geistergeheul mit einem klirrend kalten elektronischen Raureif: eine Musik, die gleichermaßen ätherisch und erstarrt erscheint; eine Kälte, die aus den Weiten des Weltalls zu kommen scheint, aber aus unserm Inneren selbst kriecht.

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