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Musik

23. März 2013

Echo 2013 Freiwild: Kein Mahnwachenwetter

 Von Jens Balzer
Das ist Echo: Die Schlagersängerin Helene Fischer schwebt in einem silbernen Glitzeranzug kopfüber in die Halle und singt „Let Me Entertain You“.  Foto: dpa/Britta Pedersen

Deutschnationale, ein Kommunist und viele Frauen in Unterwäsche: In den Messehallen unter dem Funkturm wurden die Echo-Musikpreise verliehen. Auch wenn Freiwild selbst bei der Echo-Veranstaltung abwesend sind: Ihre musikalische Großfamilie tummelt sich beim Echo munter.

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Berlin –  

Mit der NPD war auch schon mal mehr los. Die Verleihung der Echo-Musikpreise am Donnerstagabend wollte sie eigentlich mit einer Mahnwache bereichern, aus Protest dagegen, dass die von ihr besonders geschätzte Südtiroler Band Freiwild aus der festlichen Gala wieder ausgeladen wurde. Aber als wir uns um kurz vor sieben den Messehallen unter dem Funkturm nähern, fehlt von Mahnwachen, Fackelzügen oder Kundgebungen vergleichbarer Art jede Spur. „Ach, die NPD“, sagt eine gelangweilte Polizistin am Straßenrand, „da sind nur acht Leute gekommen und haben sich gleich wieder zerstreut. Ist ja auch nicht so das tollste Mahnwachenwetter.“ Kapitulation wegen leichter Schneefälle? So wird das mit dem nächsten Russlandfeldzug auch wieder nichts.

Stattdessen wimmelt die Straße von jungen Leuten mit weißen T-Shirts, auf denen man den Schriftzug „Freiwild“ auf einem „Einfahrt verboten“-Schild sieht sowie die Parole „Gegen Extremismus gegen Rassismus“. Deswegen gehen wir davon aus, dass es sich um Anti-Freiwild-Demonstranten handelt. Stimmt aber nicht, sagt die gelangweilte Polizistin: „Das sind Anhänger von denen.“ Aber wieso drucken die den Namen der Band, die sie gut finden, auf ein „Einfahrt verboten“-Schild? Ist das nicht verwirrend? Sie zuckt müde die Achseln: „Wir blicken da auch nicht mehr durch.“

So bleibt der gesamte Echo in diesem Jahr von einem gewissen Durcheinander gezeichnet. Nachdem Freiwild vor zwei Wochen für einen Preis in der Kategorie „Rock/Alternative National“ nominiert worden waren, hatten die Gruppen Kraftklub und Mia aus Protest gegen die „deutschnationalen Texte“ von Freiwild ihre eigenen Nominierungen zurückgegeben. Rätselhaft, weil Mia ja selbst mit deutschnationalen Texten bekannt geworden sind; bis heute ist unklar, was ihnen an Freiwild eigentlich missfällt. Doch egal, um weiteren Ärger zu meiden, wurde die inkriminierte Gruppe von den Echo-Verantwortlichen kurzerhand wieder aus dem Wettbewerb geworfen, worauf deren Anhänger mit einem amtlichen Internet-Shitstorm reagierten.

Allerdings verwechselten sie Mia aus Berlin mit der britisch-tamilischen Rapperin M.I.A. und Kraftklub aus Chemnitz mit Kraftwerk aus Düsseldorf und pöbelten daher zu hunderten die falschen Facebook-Seiten voll.

Während der Echo-Verleihung fällt der Name Freiwild dann kein einziges Mal. Der Vorsitzende des gastgebenden Bundesverbands der Musikindustrie, Dieter Gorny, stellt in seiner stets mit Spannung und Heiterkeit erwarteten Ansprache vor dem Beginn der Fernsehübertragung zwar zur Debatte, ob man nicht auch einmal über die Inhalte von Popmusik debattieren sollte, möchte das aber dann doch lieber vertagen, weil: „Jetzt ist ja erstmal Echo.“ Ansonsten freut sich Gorny darüber, dass die Musikbranche „wieder performt, oder wie man auch sagen könnte: Sie ist on the road to recover.“ Daraufhin schwebt die Moderatorin der Show, die Schlagersängerin Helene Fischer, in einem silbernen Glitzeranzug kopfüber an einem Trapez in die Halle und singt „Let Me Entertain You“.

Denkwürdige Szenen wie diese gibt es viele an diesem Abend; so führt zum Beispiel das britische Duo Hurts seine neue Single „Miracle“ auf und lässt sich dabei von Frauen in Stiefeln und Unterwäsche begleiten, die sich rhythmisch bücken. Ebenfalls in Unterwäsche erscheint die Sängerin Cascada, die Deutschland beim Eurovision Song Contest mit gehirnkrebserzeugendem Stumpfbirnentechno zu vertreten gedenkt. Den „Lebenswerk International Echo“ erhalten Jimmy Page und John Paul Jones von Led Zeppelin; sie fragen sich insbesondere während des Auftritts von Cascada sichtlich, wo sie da eigentlich gerade hineingeraten sind.

Der Echo „Rock/Alternative National“ wird dann von der georgischen Sängerin Katie Melua verliehen, die dabei nicht nur die Gruppe Freiwild nicht nennt, sondern auch gleich alle anderen Nominierten unterschlägt: So tritt sie garantiert niemandem auf den Schlips. Der Preis geht an den gefühlvollen Gothic-Schlagersänger Der Graf von der Gruppe Unheilig, der ihn gemeinsam mit seinem Produzenten Henning Verlage entgegennimmt. Wenigstens hier können die Fans von Freiwild sich freuen, denn Henning Verlage hat auch das aktuelle Album ihrer Lieblingsband produziert; ein Umstand, der an diesem Abend aber lieber verschwiegen wird.

Abgemischt wurde das aktuelle Album von Freiwild übrigens von dem Berliner Ton-Ingenieur Sascha „Busy“ Büren: Zu dessen weiteren musikalischen Partnern gehört zum Beispiel Peter Fox, der bei der Echo-Verleihung mit seiner Gruppe Seeed musiziert, oder Lena Meyer-Landrut, die ein Medley mit der Ostrockband Silly und dem Schlagerbarden Peter Plate aufführt. Auch wenn also Freiwild selbst abwesend sind: Ihre musikalische Großfamilie tummelt sich beim Echo munter.

Den Preis für das „Lebenswerk National“ erhält am Ende der kommunistische Protestliedermacher Hannes Wader. Nach einer Laudatio von Reinhard Mey darf er sein Lied „Heute hier, morgen dort“ zur Gitarre singen. Allerdings platzen nach wenigen Strophen mit einem lauten Knall Die Toten Hosen in seinen Auftritt und bratzen und schreien den armen alten Mann nieder; ein tragisches, geradezu herzzerreißendes Bild der Rücksichtslosigkeit und Gemeinheit.

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