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ECM feiert: Ästhetische Aktivität gegen die Zeit

Die Musikindiustrie schwächelt, aber das Münchner Kleinunternehmen ECM hält die Stellung. Was sind die Gründe? In Mannheim gab's ein Symposium dazu. Von Hans-Klaus Jungheinrich

Louis Sclavis auf dem Mannheimer ECM-Festival
Louis Sclavis auf dem Mannheimer ECM-Festival
Foto: Markus Kassler

Nein, es wäre undenkbar, dass heute ein musikwissenschaftliches Symposium stattfände, in dem in aller Seriosität über die Ästhetik etwa des von so ehrwürdigen Erinnerungen besetzten Plattenlabels mit dem gelben Etikett (wurde es nicht jüngst von einem Schuhkonzern oder Waffenhersteller aufgekauft?) disputiert würde. Die Jumbos unter den Tonträgerfirmen, abgemagerte Schlotterdinos eher, blicken falb in die sich verändernde Runde und mobilisieren, in ihren üppigen Zeiten selbst die muntersten Räuber an den wirklichen geistigen Eigentümern, produktive Phantasie bloß noch in der Verfluchung des Raubkopierwesens.

Das 40-jährige Münchner Kleinunternehmen ECM dagegen hat sich in Jahren des branchenweiten Greinens über den Niedergang der Musikverwertungsindustrie zu weltweiter Marktpräsenz hin entwickelt. Da dies nicht durch betriebswirtschaftliche Rezepte oder Tricks geschah, sondern aufgrund eines eigenwilligen künstlerischen Konzepts, lässt sich von einem Phänomen sprechen, das die Musikgeschichte mindestens ebenso tangiert wie die Wirtschaftsgeschichte.

Darüber debattierten Musikologen und Jazzexperten beim Kolloquium "The Blue Moment" im Mannheimer Schloss. Integriert war dieser Kongress in ein mehrtägiges Jubiläumsfestival mit ECM-Musikern und das sechswöchige "Enjoy Jazz"-Festival im Rhein-Neckar-Raum, das die enorme Publikumsbegeisterung der Region für diese Musikart widerspiegelt.

Eine so erratische und aus der zeitgeistigen Gewöhnlichkeit herausfallende Erscheinung wie ECM wird natürlich zur Legende, und daran musste auch das Symposium nolens volens weiterstricken. Ins potenziert Legendenhafte wölbte sich das Sujet zumal im Eröffnungsreferat "Die leise Revolution - ECM und die neue Art der Plattenproduktion" von Thomas Steinfeld, dessen lässig verhuschter Vortrag in konsequent dialektischer Auswirkung größte Feierlichkeit evozierte. Manfred Eicher, der ECM-Gründer, habe seine "Sach´ auf nichts gestellt", und dieses Nichts (das der Festredner symbolisch dingfest machte an den anfänglichen fünf Sekunden der Stille, der Nicht-Musik auf jedem ECM-Tonträger) geriet weder gähnend noch furchtbar, sondern eher zu einem Wollknäuel, mit dem eine Katze wirbelnd herumspielte, oder zur Glatze, zur Nicht-Haarlandschaft, die redend in Lockenpracht verzaubert ward. Ein famoser Einstieg.

Auf nüchternere Weise informativ dann die Untersuchungen internationaler Kenner über den Weg des Jazz von Amerika nach Europa (Daniel Soutif, Paris) und in umgekehrter Richtung (John Kelman, Ottawa). War für letzteres ECM bereits ein wichtiger Motor, so lassen sich "the idea of north", Klang und Aura des norwegischen Jazz, fast schon als Synonym für einen bedeutenden Faktor der ECM-Ästhetik beschreiben (Herbert Hellhund). Dem von der improvisierten Musik her ständig verbreiterten Spektrum der ECM-Editionspraxis gingen originelle Recherchen von Fiona Talkington ("Lux aeterna - eine Erkundung der Koexistenz von Jazz und Klassik") und Francesco Martinelli ("Oper und Jazz") nach.

Selbstverständlich steht immer auch die Frage nach dem ökonomischen ECM-Erfolgsgeheimnis im Raum. Die Oldenburger Musik- und Medienwissenschaftlerin Susanne Binas-Preisendörfer tönte sie an vor dem Hintergrund der Veränderungen des Musikmarktes, der seit 1880 von mehreren Krisen und Umbrüchen geschüttelt wurde. Damit ist die heutige Situation indes unvergleichbar. So ist zu vermuten, dass ein Verschwinden der objekthaften Warenform, eine nur mehr als entsubstantialisiert fließende Information gehandhabte Musik, nicht ohne Konsequenzen für die Kompaktheit des musikalischen Werkcharakters bliebe.

Die Musikologenversammlung war diskret genug, nicht auf Zahlen und Bilanzen zu insistieren; Wolfgang Sandner merkte immerhin die Millionenhöhe der verkauften ECM-Auflagen des "Köln Concert" von Keith Jarrett an. Beim abschließenden Podiumsgespräch mit Manfred Eicher selbst klärte sich, was bei ECM anders ist als bei den Majors der Tonträgerindustrie. Das Erfolgsgeheimnis besteht darin, dass Eicher persönlich die Qualitätskontrolle über das gesamte Produkt und jede einzelne Veröffentlichung innehat. Indem er die Produktionsseite ganz ernst nimmt, also mit einem "Angebot" Vertrauen auf der Rezipientenseite schafft, kann er notorische Parameter des betriebswirtschaftlichen Kalküls wie Marketing, Werbung, Distributionskanäle scheinbar vernachlässigen. So erweist sich ein das Ethos der Qualität hoch haltendes altmodisches Wirtschaften als allen anderen Methoden überlegen. Etwas anders gewendet: Die Intuition eines leidenschaftlichen Musikliebhabers und -vermittlers triumphiert über wissenschaftlich abgesicherte Taktiken von Editoren, die Musik mit bloß kaufmännischer Mentalität distribuieren.

Dieses wunderbare Paradox hat eine Schwachstelle: Die Produktivkraft "Persönlichkeit" ist gebunden an eine individuelle Lebenszeit. Wenn Manfred Eicher, den man vom Alter her jetzt den Rentnern zurechnen könnte, auch dereinst im 50. Jahr seines Firmenjubiläums so mitten in der um seine Produktionsvorhaben besorgten Schaffenskraft steht wie heute, dass er an keinen Nachfolger denkt, müsste man der Sterblichkeit des Labels ECM gewärtig werden. Vielleicht wäre das auch aus der Sicht Eichers kein allzu großes Unglück. Musiker sind Realisten genug, um sich bemächtigend mehr mit der Zeit statt mit der Ewigkeit abzugeben.

Autor:  Hans-Klaus Jungheinrich
Datum:  28 | 10 | 2009
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