Routine klingt anders - seit mehr als vierzig Jahren steht Edita Gruberova auf der Bühne, aber wenn die Sängerin sich in die Rolle der Lucia di Lammermoor verliert, dann kann man nur staunen. Das gespenstische "Il dolce suono" mündet in einen furiosen Dialog mit der Querflöte, und die Stimme findet zu einer Nachtigallensprache. Eine famose Leistung von beiden, von kräftigem Applaus belohnt.
Wie überhaupt an diesem Abend in der Alten Oper Frankfurt der Jubel regiert. Edita Gruberovas Gastspiel ist eine Hommage an das Belcanto. Überzeugend nicht zuletzt dank des schlanken Tons, den das Orchester findet. Die Münchner Symphoniker begleiten die Arien mit sachtem Klang, profilieren sich aber unter der unaufgeregten Leitung von Andriy Jurkevytch vor allem in den eingeschobenen Ouvertüren mit musikantischem Witz - Donizettis "La fille du régiment", Ponchiellis Ballettmusik aus "La Gioconda", Verdis "Un giorno di regno". Der junge Dirigent aus der Ukraine ist seit dem großen Erfolg mit Bellinis "Norma" quasi der Hausdirigent der Primadonna: Gemeinsam lässt man jene Rollen Revue passieren, die in der Karriere der Gruberova eine so prominente Rolle spielten. Vor allem aber jene, in denen sie auch derzeit noch auf den Bühnen steht: als Donizettis Lucrezia, als Norma oder als Violetta in Verdis "La Traviata".
Das ist ein kleiner Triumphzug auf vertrautem Terrain, aber auch eine Ansage an jene, die der slowakischen Sängerin Sprödigkeit und Kühle vorwerfen - hier in Frankfurt kann man eine temperamentvolle Diva erleben. Elviras "O rendetemi la speme..." aus Bellinis "Puritanern" wird selten so leidenschaftlich zu hören sein. Mit einer in den Höhen zwar leicht flackernden Stimme, aber mit samtenem Melos und trefflichen Koloraturen.
So wird aus einer Sängerin mit einer phänomenalen Stimme auch eine überzeugende Darstellerin. Eine, die ihre Rollen lebt und - zur Begeisterung aller - mit ihren Heldinnen leidet.