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Musik

02. März 2016

Eklat in der Kölner Philharmonie: Die Entgleisung von Köln

 Von 
Der iranische Musiker Mahan Esfahani, hier auf einem Promo-Bild.  Foto: dpa

Ein Publikum zeigt, was es von Kunst hält: Der Cembalist Mahan Esfahani kann ein viertelstündiges Werk von Steve Reich nicht zu Ende spielen.

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Haben die Leute Panik, haben sie keine Ahnung, haben sie keine Nerven, haben sie das falsche Abonnement, haben sie nicht alle Tassen im Schrank? Manieren, um einmal einen tiefbürgerlichen Ausdruck für einen tiefbürgerlichen Zusammenhang zu verwenden, haben sie jedenfalls nicht, die Buher, Zischer, Zwischenrufer, höhnisch Lachenden und Applaudierenden und Türen Knallenden, die in der Kölner Philharmonie den Abbruch eines 16-minütigen (sechzehnminütigen) Werkes von Steve Reich nach fünf bis sechs Minuten erzwangen.

Es wäre schön, wenn es sich um Panik gehandelt hätte: Sich von Kunst derart beeindrucken, beunruhigen, außer sich bringen zu lassen, ist möglich und mag zwar kein Zeichen besonderen Intellekts sein, aber doch einer Empfänglichkeit. Natürlich ist Kunst auch entsetzlich, allerdings ist es eher fraglich, ob Steve Reichs Werk „Piano Phase“, fast ein halbes Jahrhundert alt, für ein Entsetzen der Empfänglichen taugt. Ist es nicht ein wenig zu – kurz dafür? Andererseits kann man ein Bild noch viel kürzer anschauen und es dann trotzdem in heller Aufregung zersägen (oder ihm sonst was antun). Vor allem Bilder, auf denen sich quasi extrem wenig befindet – Barnett Newmans Reihe „Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau“ – sind schon mehrfach Opfer von Zerstörungsversuchen geworden, die mit dem Begriff Vandalismus unzureichend erfasst sind.

Geistiger Vandalismus

Gleichwohl könnte es gut sein, dass die Vorgänge in der Kölner Philharmonie unter geistigen Vandalismus fallen. Jedenfalls wurde der Cembalist Mahan Esfahani, der zusammen mit dem auf historische Musikpraxis spezialisierten Ensemble Concerto Köln Werke von Johann Sebastian und Philipp Emanuel Bach Werken von Reich, Fred Frith und Henry Mikolaj Górecki gegenüberstellte, beim Spielen der minimalistischen Tonfäden sehr behelligt. Schließlich hörte er auf und fragte das Publikum, wovor es denn Angst habe (!). Darauf hatten die Zuschauer nicht nur keine Antwort, sondern sie stießen sich anscheinend daran, dass Esfahani dies auf Englisch tat. Schon während seiner Einführung, berichtet der „Kölner Stadtanzeiger“, habe es aus dem Publikum vereinzelt Rufe gegeben wie: „Reden Sie doch gefälligst Deutsch“. Nach dem Abbruch des Reich-Stücks sei das Konzert (nicht die „Piano Phase“) aber zu Ende gespielt worden. Und nicht nur die Pöbler waren aufgebracht. Ein Besucher habe am Ende auf Englisch um Entschuldigung für „den empörenden Vorfall“ gebeten, berichtet der „Stadtanzeiger“. Man liest auch, dass etliche Zuschauer sowohl den Störern als auch nachher dem Zuschauer applaudierten, der sich entschuldigte, nun, das Klatschen hat seine Eigendynamik und es handelte sich um ein Nachmittagskonzert. Esfahani reagierte letztlich gelassen, erklärte sich auch bereit, im kommenden April das Reich-Stück am selben Ort erneut zu spielen.

Eine merkwürdige Kölner Entgleisung. Sie, wie geschehen, als rassistisch zu charakterisieren, da Esfahani aus dem Iran stammt, dürfte leicht daneben liegen. Es ist allerdings tatsächlich ein Rassistenklassiker, einem Menschen vorzuwerfen, dass er eine Sprache nicht benutzt, die er nicht kann – während Esfahani, Irrtum über Irrtum, sich wohl vor einem Musikpublikum wähnte, mit dem er Englisch sprechen kann, jünger, internationaler. Auch wäre das Sir Simon Rattle zweifellos nicht passiert.

Dennoch ging es offenkundig gegen die Musik, nicht gegen den Mann. Es ging auch gegen die Musiker, denen offenbar nicht vertraut wird, für deren Programmentscheidung sich die Pöbler ostentativ nicht interessierten. Konzertbesucher wissen das, die sich daran gewöhnt haben, wie Nachbarn zähneknirschend den Gegenwarts-Programmpunkt durchstehen. Es gibt ein Problem im Konzertsaal, und es leuchtet ein, dass es an einem Nachmittag eskaliert, an dem besonders unbedarfte Zuschauer auf Bach und sonst gar nichts eingestellt sind. Es mangelt dramatisch an Neugier und Basiswissen. Zeitgenössische Musik – und Reich ist keine Avantgarde – hat keine Chance gegen selbstbewusste Wurschtigkeit.

Wie fruchtlos solche Geschichten sind, merkt man daran, dass letztlich nur eine Konsequenz daraus zu ziehen ist. Jedes Alte-Musik-Ensemble, das auf sich hält, überhaupt jeder Klangkörper, der auf sich hält, wird hinfort mit Cembalisten reisen und Steve Reichs „Piano Phase“ in sein Programm für Köln aufnehmen müssen. Wie fade.

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