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Ricky Martin „Música + Alma + Sexo“: Elton Johns legitimer Nachfolger

Jungs und Mädels, er ist schwul: Voriges Jahr beendete der amerikanisch-puertorikanische Popsänger, Ricky Martin die Spekulationen um seine Sexualität. Doch musikalisch ist seinem neuen Album die Furcht anzuhören, Martin könnte sein Massenpublikum verlieren.

Besingt ausgerechnet körperlose Liebe: Ricky Martin.
Besingt ausgerechnet körperlose Liebe: Ricky Martin.
Foto: Omar Cruz

Vielleicht war es zuviel verlangt. Vielleicht sollte die sexuelle Orientierung eines Popsängers wirklich vor allem eins bleiben: Seine Privatsache. Aber nachdem Ricky Martin im März 2010 jahrelange Spekulationen beendet und öffentlich erklärt hatte, dass er Männer liebt, war sein neues Album doch mit einer gewissen Spannung erwartet worden. Aber um es kurz zu machen: „Música + Alma + Sexo“ ist trotz des Titels „Musik + Seele + Geschlecht“ kein schwules Statement geworden.

Zwar lässt er in seinem letzten Videoclip hetero- und homosexuelle Paare gleichberechtigt nebeneinander auflaufen, aber einen offeneren Umgang mit seinem Schwulsein überlässt er seiner kürzlich erschienenen Autobiografie „Me“ oder gleich der Kollegin Lady Gaga. Auf „Música + Alma + Sexo“, Martins erstem Album seit sechs Jahren, wird das sich aufdrängende Thema verschämt abgewickelt: Viele Songs sprechen eher luftig von Veränderung und der befreienden Wirkung der Wahrheit. Martin hat sich also für die Strategie entschieden, die die meisten schwulen Popstars wählen. Die Liebe wird zu einer nahezu körperlosen Idee, zum literarischen Gegenstand überhöht. Allerdings torpediert das neue Wissen dann doch manchen Song seines neunten Soloalbums. Tatsächlich wirkt es wie eine ungewollte Travestie, wenn Martin mit der englischen Soulsängerin Joss Stone schwört: „The Best Thing About Me Is You“. Der nächste Schritt im selbstverständlichen Umgang mit Homosexualität wäre wohl, wenn ein schwuler Mainstreamstar tatsächlich endlich mal ein Liebes-Duett mit einem Mann wagen darf.

Bollernde Bassdrum

Auch ansonsten ist Martin die Furcht anzuhören, er könnte sein Massenpublikum verlieren. Er versucht, musikalisch möglichst viele Erwartungen zu befriedigen. Allzu disparat gerät so die Umsetzung. Vor allem die für den Dancefloor bestimmten Stücke lassen über weite Strecken jede Eleganz vermissen. Dann bollert die Bassdrum wie ein Amok laufender Vorschlaghammer, die Sequenzer rattern monoton wie vom Hospitalismus befallen, und auch die eher selten eingesetzten E-Gitarren geraten arg brachial.

Aber wenn das musikalische Erbe von Martins karibischer Heimat die Oberhand gewinnt, dann öffnen sich dem mittlerweile 39-jährigen Puertoricaner in diesen, meist auf Spanisch gesungenen Songs neue, durchaus auch in Zukunft gangbare Wege. Durch „Cántame Tu Vida“ zwitschern Panflöten, das gemeinsam mit Natalia Jiménez, der Sängerin der spanischen Popband La 5a Estacion, gesungene „Lo Mejor De Mi Vida Eres Tú“ findet die Balance zwischen Schmacht und Sommerlichkeit. In „Tú Y Yo“ oder „Basta Ya“ räkelt Martin sich überzeugend in einem Federbett aus Streichern, und auch für das dramatische „Te Busco Y Te Alcanzo“ entdeckt er die Diva in sich.

Das Konzept, alle Zielgruppen anzusprechen, scheint aber bislang aufzugehen. „Música + Alma + Sexo“ stieg ein auf Platz drei der Billboard-Charts. So hoch war Martin seit seinem englischsprachigen Debüt 1999 nicht mehr in den USA notiert. Eine Ausgangslage, die er womöglich dazu nutzen sollte, sich – angesichts der altbackenen Dance-Tracks – endgültig von seinem Image als teenagertaugliche Hupfdohle zu verabschieden. Stattdessen steht ihm die Nachfolge von Elton John offen, zu dem sich erstaunliche Parallelen auftun: Auch John begann seine Karriere als Popstar mit femininen Zügen, aber brauchte sehr lange, seine Homosexualität doch noch öffentlich zuzugeben. Schon aber, als es darum ging, dank Leihmüttern zum Vater zu werden, war Ricky Martin dann dem britischen Brillenfreund voraus. Musikalisch aber sollte er in Betracht ziehen, nun wieder in die Fußstapfen von Elton John treten.

Ricky Martin: „Música + Alma + Sexo“ (Sony Music)

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  24 | 2 | 2011
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