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Herrenchiemsee-Festspiele: Entzauberung im Zauberschloss

In den zehn Jahren ihres Bestehens haben sich die Herrenchiemsee-Festspiele zu einem wuchtigen internationalen Musiktreffpunkt entwickelt. Dazu passt die fulminante Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte", die im Zentrum der diesjährigen Programmfolge stand.

        

Blitzende  Königin der Nacht.
Blitzende Königin der Nacht.
Foto: Franz-Josef Fischer/Herrenchiemsee

In den zehn Jahren ihres Bestehens haben sich die Herrenchiemsee-Festspiele zu einem wuchtigen internationalen (aber auch merklich oberbayerisch grundierten) Musiktreffpunkt entwickelt. Eine beispiellose Attraktion bedeutet der Schauplatz: das Inselschloss Ludwigs II. mit seinem überlangen, die ganze Frontseite einnehmenden Spiegelsaal, eine prachtstrotzend neobarocke Raumflucht mit einem in der Abendsonne sich verhundertfachenden Lüsterglanz.

Die tagsüber dem von Staunenswürdigkeiten gelenkten Urlauberverkehr vorbehaltene Baulichkeit, von Prien aus nur per Schiff und dann mit Kutsche, Kleinbus oder Fußmarsch erreichbar, wurde vom Dirigenten und Musikorganisator Enoch zu Guttenberg als essentielle Opern- und Konzertkulisse entdeckt. Das Vorhaben kommt ohne öffentliche Subventionen aus und zehrt bis mindestens 2013 von der exklusiven Sponsorengunst der Deutschen Bank.

Im Zeitalter der Massendemokratie wirkt sich der Nimbus des Prominenten ungehemmt aus. Wie Herrenchiemsee mit dem genial-närrischen Bayernkönig und seiner anachronistischen Schöngeisterei identifiziert wird, so das Festival mit Enoch zu Guttenberg, der sich nicht ungern im Schatten des Märchenkönigs sonnt. Zur Disposition eines hochkarätigen Musikfestes bedarf es aber auch rüstig-potenter Mitarbeiter, darunter der Dramaturg Klaus Jörg Schönmetzler und Guttenbergs Ehefrau Ljubka Biagioni, eine hoch talentierte Verdi-Dirigentin.

Das von Schönmetzler formulierte diesjährige Festspielthema „Sonnenkönige und Schattenreiche“ richtete sich schon deutlich auf die Darbietung der „Zauberflöte“, die nicht nur Zentrum dieser Programmfolge ist, sondern ein über Jahre dauerhafter Bestandteil werden könnte (zumindest ist für 2011 eine Wiederaufnahme vorgesehen). Mit ihren vielen Solorollen ist diese Mozart-Oper für einen nicht an einem „festen“ Haus operierenden Veranstalter eine logistische Herausforderung. Guttenbergs immerhin vierzigjährige Erfahrung im Musikbetrieb zeitigt auf Anhieb eine Sängerequipe, wie man sie in Salzburg oder Glyndebourne nicht besser antreffen könnte.

Böse Inhaltsreste

Olga Polyakova sang als Königin der Nacht genauestens blitzende, dramatisch aufgeladene Koloraturen; Moritz Gogg war ein viril-bassstämmiger Papageno von markanter Klarheit, Alfred Reiter ein sonor-kultivierter Sarastro, Katharina Persicke eine substanzreiche Pamina. Einprägsame Vokalprofile bis in die kleinsten Partien. Und die Chorgemeinschaft Neubeuern marschierte als volle Hundertschaft auf, nicht in Kammerformation.

Längst kann man die „Zauberflöte“ nicht mehr als kindlich-einfaches Stück verstehen, das wörtlich auf die Bühne zu bringen wäre. Das offensichtlich dem freimaurerischen Vernunftglauben verpflichtete Sujet ist tief betroffen von der „Dialektik der Aufklärung“ und fragwürdigen, bösen Inhaltsresten wie Frauenfeindschaft, Rassismus, Folterbereitschaft. Guttenbergs und Schönmetzlers Fassung rückt dem zu Leibe, ohne dabei – und das ist ein bedeutender Kunstgriff – die Würde der Musik zu tangieren.

Mit zwei entscheidenden konzeptionellen Ideen wurde hier die „Zauberflöte“ neu erzählt. Schönmetzler führte als durchgängige Erzählerfigur den altgewordenen Papageno ein (der bajuwarische Schauspieler Gerd Anthoff, in seiner humorigen Schlagfertigkeit ebenfalls ein Glücksfall der Aufführung). Das ergibt einen angenehm unprätentiösen „Blick von unten“ auf die Handlung, eine jede falsche Feierlichkeit ironisierende Nestroy-Perspektive. Papagenos clownskluge Kommentare versetzen etwa auch die triefenden Priestergesänge in ein passendes Licht, ohne dass diese eigens inszenatorisch umgebogen werden müssten.

Der zweite, von Guttenberg selbst stammende Leitgedanke war die „Überblendung“ der Zauberflötenhandlung durch ein „Spiel im Spiel“, das eine zu fiktiver Laientheateraktivität versammelte Hochadelsgesellschaft präsentierte. Da kam es zu mancherlei symbolisch-aussagefähigen Personenparallelen, etwa, wenn Sarastro von König Ludwig II. verkörpert wurde, Pamina von der österreichischen Kaiserin Sissi und Monostatos vom Preußenkanzler Bismarck. Die kleinen Rollen der „Geharnischten Männer“ waren makaber mit Kriegsfahnen und Totenkopfmaske als die Weltkriegstreiber Franz Ferdinand und Kronprinz Wilhelm (II) identifiziert. Die Kostüme zu diesem Mummenschanz konnten kostengünstig aus der Hinterlassenschaft des Füssener Ludwig-Musicals entliehen werden.

Unprätentiöse Noblesse

Diese „Zauberflöte“ dokumentierte, dass die in Herrenchiemsee scheinbar als Notbehelf etablierte Praxis der „halbszenischen Aufführung“ eine neue Qualität erreicht hat. Das zeichnete sich bereits ab in den gekonnten Raumarrangements Ljubka Biagionis wie „Nabucco“ und (in diesem Jahr) „Rigoletto“. Die aus den Raumverhältnissen entwickelte „Zauberflöten“-Inszenierung von Enoch zu Guttenberg kam zwar mit sparsamen Bildelementen aus – einer das Podium querenden Treppe, einem goldenen Mini-Vorhang, seitlich je einem Tisch mit ein paar Stühlen –, aber die Personenregie war minuziös ausgefeilt und detailverliebt (die witzigen „Duette“ der beiden Papagenos). Natürlich sind Schönmetzler und Guttenberg nicht die ersten zauberhaften „Zauberflöten“-Entzauberer, aber ihre Version kann neuerlich als ein Durchstich in der vielfältig-bemühten „Zauberflöten“-Rezeption gelten.

Enoch zu Guttenberg brachte das Werk auch als Dirigent zu größter Lebhaftigkeit und unprätentiöser Noblesse. Schwung und Engagement verdeckten nicht die Feinheiten der Darstellung, etwa die ohne Streichervibrato auskommende „archaisierende“ Diktion beim Auftritt der „Geharnischten Männer“.

Das von Guttenberg geschulte „Orchester der KlangVerwaltung“ war auch hier ein zuverlässiger, ja sprachgewaltiger Klangfaktor. Noch mehr in expressive Grenzbezirke wurde es geführt im Schlusskonzert – das mit Mozarts „Krönungskonzert“, lustvoll gespielt von der Pianistin Gitti Pirner, begann – bei Anton Bruckners 7. Symphonie. Dieses Exempel schonungsloser Selbstverausgabung wurde von Guttenberg radikal ausinterpretiert, mit geradezu katastrophisch akzelerierten Codaschlüssen in den Ecksätzen.

Adel ruht nicht in sich, sondern stürmt vorwärts ins Bodenlose. Die Herrenchiemsee-Festspiele 2011 sollen das Motto „Zurück in die Zukunft“ haben.

Autor:  Hans-Klaus Jungheinrich
Datum:  27 | 7 | 2010
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