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Gil Scott-Heron: Er brachte die Verhältnisse zum Tanzen

Die Stimme des Musikers und Poeten Gil Scott-Heron war zuletzt rauer und noch knorriger geworden, mitunter leicht vernuschelt - weil ihm die Drogen auch die Zähne ruiniert haben. Ein Nachruf.

Gil Scott-Heron: 1949 – 2011. Ein Bild aus dem Jahre 1984.
Gil Scott-Heron: 1949 – 2011. Ein Bild aus dem Jahre 1984.
Foto: dapd

Man kann nicht sagen, dass man mit Gil Scott-Herons Tod nicht rechnen konnte. Scott-Heron kämpfte jahrzehntelang, oft schwer verarmt, mit Drogen und Alkohol, und saß drogenbedingt immer wieder im Gefängnis, zudem war er seit einigen Jahren HIV-infiziert – alles nicht gerade beste Voraussetzungen für ein langes Leben. Dennoch kam die Meldung, der große, nein: einer der wichtigsten afroamerikanischen Poeten und Musiker seiner Generation, sei am Freitag in einem New Yorker Krankenhaus gestorben, überraschend. 62 Jahre alt ist er nur geworden.

Blues als universelle Chiffre

Im vergangenen Jahr erst war er nach einer 16-jährigen Studiopause mit einem neuen Album aufgetaucht: „I’m New Here“ hieß es und riss so schon im Titel den Horizont des Neubeginns auf. Es ist ein tolles Album. Kaum eine halbe Stunde lang, unterbrochen von gesprochenen Texten und neben neuen Stücken voll Coverversionen von frühem Deltablues über Sixties-Soul und eigenen Songs, ist es als künstlerische Autobiografie angelegt. Eindringlich spielt er seine musikalischen Einflüsse an und versammelt die Songs zu einer Lebensgeschichte aus unruhiger Kindheit, Drogenstationen und prekärer Gegenwart, die sich doch auch in den großen Zusammenhang der afroamerikanischen Community fügt.

Aber Scott-Heron hatte seit seinen Anfängen alle möglichen diasporischen Stile, Jazz, Soul und Funk, Samba und Reggae, später natürlich HipHop, aufgegriffen. Mit Ehrentiteln wie „Godfather of Rap", den ihm Verehrer wie Public Enemys Chuck D oder Tupac Shakur zusprachen, hat er sich nie wirklich wohlgefühlt. Viele seiner Songs unterstreichen zwar den Pionierstatus. Aber Scott-Heron verstand sich vor allem als performender Dichter – der berühmte Proto-Rap „The Revolution Will Not Be Televised“ erschien 1970 zuerst in seinem ersten Lyrikband. Er bezeichnete sein Konzept lieber als „Bluesology“ – mit dem Blues als universelle Chiffre für die Black Experience.

Sein erstes Album, 1970 verantwortet vom einflussreichen Jazz-Produzenten Bob Thiele, zeigt Scott-Heron zu lose-perkussiver Begleitung noch vorwiegend als Jazzpoeten. Doch schon auf „Pieces of a Man“ aus dem Jahr darauf setzt er verstärkt auf Songs und bedient sich der fortan typischen, weitgreifenden Struktur, die trotz des persönlicheren Tons noch sein nunmehr letztes Album prägt: Die rhythmisierte Lakonie von „The Revolution Will Not Be Televised“ steht neben der präzisen, groovenden Ghetto-Skizze „Home is Were the Hatred is“, dem dynamischen Bekenntnis zur afroamerikanischen Musik in „Lady Day and John Coltrane“ steht die zarte, luftige Soulballade „I Think I’ll Call It Morning“ gegenüber.

Respekt für die Community

Produziert wiederum von Thiele tritt hier erstmals Brian Jackson auf, der mit seinem prägnanten E-Piano fortan Scott Herons Dauerbegleiter durch das Jahrzehnt werden sollte. Leicht zu sagen, dass es seine erfolgreichste Zeit war. Nicht nur, weil sein voller, variantenreicher Bariton-Gesang immer zuverlässiger klang oder der eindringlichen Klassiker wegen, den Drogen- und Alkoholnummern wie „The Bottle“ oder „Angel Dust“, den scharfen, düsteren Bestandsaufnahmen des Sozialen wie „Winter in America“, den sarkastischen Politsongs wie dem Anti-Atom-Track „We Almost Lost Detroit“ oder schließlich dem 81-er Hit „B-Movie“, seiner höhnischen Abrechnung mit Ronald „Ray-Gun“.

Leicht vielmehr deswegen, weil danach bis zu „I’m New Here“ nur noch ein Studioalbum erschien, das schöne, gern unterschätzte „Spirits“ von 1994, worauf er sich neben betrübten Junkie-Songs und inspirierten Jazzhommagen auch die jungen Rapper vornimmt. In einer „Botschaft an die Botschafter“ mahnt er seine Gangster-Schüler, sich mal zusammenzureißen und Verantwortung und Respekt für die Community zu zeigen: Als Teil des Kontinuums, für das die „Spirits“ des Titels, die lebenslang beschworenen Bluesgeister, stehen.

Zuletzt war seine Stimme rauer und noch knorriger geworden, mitunter leicht vernuschelt, weil ihm die Drogen auch die Zähne ruiniert haben. „Wenn man älter wird, passiert eben aller möglicher Scheiß“, erklärte er trocken dem Londoner Guardian. So gesehen, würde er wohl auch seinen Tod achselzuckend nur als weitere unvermeidbare Entwicklung verstehen. Uns aber hinterlässt er eben doch sehr, sehr traurig.

Autor:  Markus Schneider
Datum:  29 | 5 | 2011
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